Eigentlich sollte Mitgefühl keine Rechtfertigung brauchen.
Und doch …
Vor einem Schlachthof zu stehen und gegen das Schlachten zu mahnen, bedarf ihrer.
Ich weiß nicht, was an diesem 14. Dezember schlimmer ist: der eisige Wind oder der Zorn des Bauern, der sich wie die Glut eines feuerspuckenden Vulkans über uns ergießt.
Ich weiß nur eines: wirklich schlimm ist das, was in diesem Schlachthof in Buchloe, der auch schon Vorhof zur Hölle genannt wurde, geschieht.
Das Schicksal, das die zwei ausgedienten Kühe erwartet, die der wutentbrannte Bauer soeben dort abgeliefert hat.
Das ist schlimm.
Nicht der tobende Bauer oder der Wind, der einem die Knochen gefrieren lässt.
Aber dennoch spüre ich als Mensch in diesen Augenblicken sowohl die Eiseskälte, die mir zu schaffen macht, als auch den wutentbrannten Hass des Bauern.
Ich bin mittendrin und fühle mich wie David gegen Goliath, wissend, dass ich ein hilfloser Verlierer bin. Diejenigen, die ihr Leben verlieren, kann ich nicht retten.
Ich kann nichts tun, außer wie meine anderen drei Mitkämpferinnen mit einem Schild in der Hand dazustehen, um es den ein- und ausfahrenden Tier- und Fleischtransportern entgegenzuhalten. Nicht einmal Grabkerzen kann ich an diesem Tag aufstellen, sie fallen sofort um oder gehen aus; auch die Schilder, die sonst am Boden vor den Lichtern liegen, fegt der Wind sofort hinweg.
Der Bauer regt sich so sehr und lange auf, dass ich tatsächlich befürchte, er fällt mit einem Herzinfarkt von seinem Traktor, der genauso alt und schlecht aussieht wie er.
„Geht’s ham ihr Weiber“, schimpft er und eine ernsthafte Diskussion scheint unmöglich. Das wird mir auch bei seinem Argument klar, dass die zwanzig Millionen Touristen, die jährlich nach Deutschland kommen, schuld seien, denn die wollen alle Fleisch essen.
Ich bitte ihn weiterzufahren, weil es doch keinen Sinn mache, in dieser Art und Weise miteinander zu reden.
Irgendwann gibt er tatsächlich auf, weil wir uns entfernen und ihm keine große Beachtung mehr schenken.

Ohne Unterlass fahren Tiertransporter ein, sowohl große, als auch kleine von den Bauern aus der Umgebung, mit nur ein oder zwei Rindern.
Manche haben sogar Namen.
Manche hatten vielleicht ein halbwegs gutes Leben.
Solange sie gedient und funktioniert haben.
Was von diesem Leben übrig bleibt, endet für Geld im Vorhof zur Hölle. Wobei jeder Schlachthof für die Tiere die Hölle ist. Es ist halt eine menschliche Redewendung …
Und ja, natürlich gibt es auch den einen Bauern, der sich ruhig und sachlich mit uns unterhält. Und den Fahrer eines Tiertransporters, der aus dieser Hölle hinausfährt.
Argumente, Schuldzuweisungen …. „Die Großen machen die Kleinen kaputt, schuld an den haarsträubenden Tiertransporten ist die Gesetzgebung der EU“, etc.
All diesen Argumenten fehlt etwas Entscheidendes: das Mitgefühl.
Ich mag diese rationalen oder irrationalen Phrasen gar nicht mehr hören. Ich habe so viele gehört.
Während sich die anderen beiden mit dem Bauern unterhalten, stehe ich mit Nicki vor dem kleinen Transporter mit fünf oder sechs Rindern.
Fassungslos blicken wir in ihre Augen, bewundern ihre Schönheit, wissend, was sie erwartet.
Die Argumente des Bauern interessieren mich nicht.
Es geht ja doch nur um ihn, um seine Existenz.
Es geht nicht um die Ehrfurcht vor dem Leben.
Sonst stünde er jetzt nicht hier mit seinem Transporter, am Tor zur Hölle.

Wir leben in einer Gesellschaft, die Mitgefühl selektiert. Gesellschaftsfähig ist das Mitgefühl für den misshandelten rumänischen Straßenhund, unpassend das Mitgefühl für die ausgediente alte Milchkuh.
Wir sind von legitimierter Diskriminierung umgeben – tagein, tagaus. Die meisten Menschen akzeptieren Leid, Tod und Gewalt an Lebewesen, die anders aussehen, andere Formen der Kommunikation nutzen und einen anderen Platz im Leben haben.
Wer gab uns jemals das Recht? Wir selbst waren es und haben es als Recht des Stärkeren über Schwächere gerechtfertigt. In einem Land vor unserer Zeit, das Lichtjahre entfernt scheint, und in der sich der Mensch gegen wilde Tiere verteidigen musste, war dieses Recht eine legitimierte Notwehr. Aber tatsächlich leben wir jetzt im 21. Jahrhundert und haben uns weiter entwickelt, bis zu dem Punkt, an dem wir als aufgeklärte und bewusste Wesen die Diskriminierung gegenüber anderen Menschen ächten und als Unrecht definieren. Zumindest bemüht sich ein Großteil der Menschen hierzulande darum.

Später in München …
Man hält dem eisigen Wind der Gleichgültigkeit sein Herz entgegen und lässt die Verspottungen und Schmähungen über sich ergehen. Es schmerzt nicht, denn der Schmerz ist bei den Tieren.
Man rechtfertigt sein Mitgefühl, obwohl es einem unverständlich ist …

Auch hier bläst der kalte Wind in der Nacht ständig alle Kerzen aus, und irgendwann geben wir auf. Ein paar Lichter halten sich wacker, erhellen die tiefschwarze und regnerische Nacht – es sollen doch Lichter des Gedenkens und der Hoffnung sein …
Auch wir versuchen irgendwie durchzuhalten.
Bevor die Nacht in den Tag versinkt, fährt ein letzter Transporter ein.
Er ist nicht besonders groß und auf seiner Rückseite steht „Südferkel“.
Man sieht und hört sie nicht.
Kein Laut dringt aus dem Wagen.
Durchschnittlich acht Wochen sind sie alt, Tierkinder, und einige unter ihnen wurden vielleicht noch gesäugt.
Die Vorstellung von dem, was sie erwartet, macht die Kälte noch kälter.

Es ist später Vormittag.
Mittlerweile rollen die Transporter mit den Rindern ein.
Die Kälte hat mich und meine zwei treuesten Gefährtinnen seit gestern so fest im Griff, dass sie jetzt allen Raum einnimmt und ich das Gefühl habe, nicht mehr geradeaus denken zu können.
Ich stehe auf der anderen Seite der Einfahrt, als ein Mann aus einem Seiteneingang zu seinem Auto geht, das dicht hinter mir geparkt ist.
Er hält einen Plastiksack in seiner rechten Hand.
Zunächst kann ich nicht wirklich etwas erkennen – Menschen mit diesen Säcken sieht man hier viele. Oft sind es Mitarbeiter, die sich Fleisch mit nach Hause nehmen.
Als ich das dritte Mal hinsehe und der Mann näher kommt, kann ich es erkennen.
Es ist ein Ferkel.
Blass und klein, die Augen geschlossen.
Der winzige Lebensfunke, der nur ein paar Wochen in ihm war, entschwunden.
Der Mann öffnet den Kofferraum und legt den Plastiksack hinein.
Ich weiß nicht, warum ich zu dem Auto gehe, der Mann ist schon eingestiegen, seine Fahrertür geschlossen.
Ich klopfe an die Scheibe und er öffnet die Tür.
„Haben Sie da gerade ein Ferkel in Ihren Kofferraum getan?“
Meine Frage erscheint mir überflüssig und absurd; ich habe es ja mit eigenen Augen gesehen.
Der Mann sieht mich verdutzt an, erwidert einen Moment lang nichts und sagt dann: „Na und?“
Bevor ich etwas antworten kann, schlägt er die Tür zu und fährt davon.

Ein paar Wochen Leben.
Ausgelöscht.
Und das ist es, was übrig bleibt: ein „Na und?“
Wie viel Angst und grenzenlose Verzweiflung sind dem vorausgegangen, als die Hand des Todes nach einem viel zu kurzen und kostbaren Leben griff.
Staunende Augen für immer erloschen,
die Unschuld in Schuld verwandelt.
Es tut weh.
Es tut immer wieder unfassbar weh.

Eure Argumente interessieren mich nicht mehr.
Eure kalten Herzen lassen mir das Blut in den Adern gefrieren.
Wahres Menschentum sollte nicht vor dem Teller halt machen.
Es sollte andere Lebewesen nicht diskriminieren.
Wahres Menschentum bedeutet, mit dem Herzen zu leben und seine Liebe nicht diskriminierend zu verschenken.
Die Wahrheit ist einfach, sie spricht die Sprache der Liebe und des Mitgefühls.

R.I.P.
Anlässlich des 13. Mahnwachenaktionstages und den Mahnwachen in Buchloe und München.

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© Daniela Böhm
www.danielaböhm.com

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