Eine Weihnachtsgeschichte

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Rehe im Schnee nachdem Sie den vereisten Kanal überquert hatten. (piqs.de ID: 34c4ca2ed1771d45fd1b44bf1e1ac7df)

Der Geist der Weihnacht

Tagelang hatte es kaum aufgehört zu schneien und schweigend lag der Wald in prachtvollem Gewand. Geduldig beugten sich die Zweige der majestätischen Tannen ihrer schweren weißen Last, die Erde war in tiefen Schlaf versunken, und wenn der Mond des Nachts seinen silbernen Schein auf schneebedeckte Lichtungen warf, glitzerten sie wie Myriaden von kleinen Diamanten in seinem warmen Glanz.

An einem Platz im Walde hatte sich eine kleine Gruppe von Rehen eingefunden, die dankbar das Heu aus einer Raufe zupften, die der Forstmeister zu Beginn des Winters aufgestellt hatte.
„Der Frühling und der Sommer sind mir lieber“, meinte ein junger Hirsch, dessen Geweih in den letzten Monaten zaghaft zu wachsen begonnen hatte. Es war der erste Winter seines Lebens.
„Natürlich, es ist leichter Nahrung zu finden“, sagte seine Schwester, „und nicht so bitterkalt. Aber auch der Winter hat seine schönen Seiten.“
Das älteste Reh unter ihnen nickte zustimmend. Die Last eines angsterfüllten Lebens lag auf seinem Rücken und wie silbern gesponnene Fäden zog der Lauf der Zeit durch sein Fell, doch die sanften Augen strahlten in ungebrochener Schönheit.
„Der Winter erinnert an Frieden und Ruhe. Das Rad des Lebens scheint langsamer zu drehen und der Geist der Weihnacht erfüllt den Wald.“
„Mir fehlt einfach das schmackhafte Grün“, meinte ein Hase, der sich in der Hoffnung dazu gesellt hatte, dass ihm die Rehe ein paar Büschel Heu hinunterwarfen.
„Da hast du freilich recht“, erwiderte das ältere Reh und erfüllte ihm seinen Wunsch, „das fehlt uns allen.“
„Danke, das ist sehr freundlich von dir“, sagte der Hase.
„Wer oder was ist der Geist der Weihnacht?“, fragte der junge Hirsch.
Das alte Reh hob den Kopf und blickte hinauf, an den schneebedeckten Bäumen vorbei in den Himmel, der in einem kräftigen Blau strahlte.
„Ihn zu beschreiben, ist schwer“, sprach es schließlich. „Man muss ihn fühlen und seinem Flüstern mit dem Herzen zuhören. Er spricht von der Bruderschaft allen Seins und von der Kette der Dinge. Davon, dass alle Wesen und auch die Erde selbst miteinander verbunden sind und keiner dem anderen Leid zufügen sollte. Der Frieden ist seine Botschaft und die Liebe, die scheinbare Grenzen überwindet.“
„Das ist eine schöne Botschaft“, meinte der Hirsch, „aber wen erreicht sie? Meinen Vater sah ich unter den Kugeln eines Jägers sterben und erst neulich beobachtete ich, wie ein Fuchs einen Hasen erlegte.“ Ein trauriger Glanz überzog seine dunklen Augen und das Fell des Hasen sträubte sich.
Das alte Reh seufzte, denn viel hatte es schon an Leid gesehen. Nicht nur jenes, was die Menschen den Tieren antaten, sondern auch das, welches zwischen den Tieren geschah.
„Ich weiß, es ist schwer. Wir müssen nicht nur die Menschen fürchten, sondern ebenso andere Tiere. Gerade die Kleinen unter uns.“ Dabei sah es mitfühlend zu dem Hasen. „Uns Rehen und Hirschen geht es gut hier; in diesen Wäldern müssen wir uns zumindest nicht vor Wölfen fürchten.“
Nachdenklich glitt sein Blick in weite Fernen, bevor es weitersprach.
„Ein Gleichgewicht hält die Natur, welches seit Anbeginn der Zeiten besteht. Es gibt Tiere, die andere jagen und solche, die es nicht tun und vor ihnen fliehen. Warum das so ist, kann ich dir nicht beantworten. Wir müssen es hinnehmen, wie den Sturm, der manchmal einen Baum entwurzelt. Aber in mir lebt die Hoffnung, dass es sich eines fernen Tages ändern könnte, auch wenn es unmöglich erscheint. Seit ich die Botschaft von Liebe und Frieden im ersten Winter meines Lebens vernommen habe, trage ich diese Hoffnung in mir.“
„Es ist ungerecht“, meinte der junge Hirsch und schüttelte trotzig sein Geweih.
„Ich weiß“, erwiderte das Reh verständnisvoll.
Plötzlich hob es witternd die Schnauze und gleich darauf war von Weitem ein Schuss zu hören.
„Gefahr!“, rief der älteste Hirsch. „Schnell, fort, nach links, und dann tief in den Wald hinein!“
Sofort preschte die kleine Herde los und der Hase lief in Windeseile zurück zu seinem Bau, um sich zu verstecken.

Rehe im Schnee nachdem Sie den vereisten Kanal überquert hatten. (piqs.de ID: 34c4ca2ed1771d45fd1b44bf1e1ac7df)

Die Rehe und Hirsche waren schon eine Weile gelaufen, als das alte Reh plötzlich jäh zu Fall kam. Ein Fangeisen schnappte zu und die kalten Metallzähne bohrten sich unbarmherzig in seinen linken hinteren Lauf.
Sofort waren die anderen bei ihm.
„Was können wir tun?“, fragte der junge Hirsch ratlos.
„Nichts“, antwortete eines der Rehe traurig.
Das verletzte Reh stöhnte unter seinen Schmerzen. „Sie hat recht. Ihr müsst euch in Sicherheit bringen, ihr könnt mir nicht helfen. Für jeden kommt der Tag, an dem er Abschied nehmen muss. Ich durfte viele Sommer und Frühlinge erleben, ich habe mein Leben gelebt mit all seinen Schmerzen und Freuden. Und ich danke euch, dass ihr meine Gefährten wart.“
Der älteste Hirsch, der die kleine Herde anführte, stupste den jüngeren an.
„Wir können einfach nichts tun und müssen so schnell als möglich weiter.“
Eine tiefe Trauer verdunkelte die Augen des jungen Hirschen.
„Es tut mir so leid. Warum machen die Menschen so etwas?“, sagte er zu dem verletzten Reh. Es fiel ihm schwer, Abschied zu nehmen.
„Sie sind unwissend und ihre Herzen nicht sehend. Versprich mir, dass du den Geist der Weihnacht in dein Herz lässt. Ganz bestimmt wirst du ihm begegnen, denn jetzt ist die Zeit.“
„Ich verspreche es“, erwiderte er und bereits im nächsten Augenblick preschte er mit den anderen davon.

Das Reh begann zu zittern. Seine Schmerzen wurden immer stärker und es spürte, wie seine Kräfte nachließen. Und es hatte Angst vor dem, was geschehen könnte.
Schon bald hörte es das Gebell der Hunde, erst von Weitem und dann näher. Die Stimme eines Menschen schallte befehlend durch den Wald und das Reh geriet in Todesangst, denn es spürte das Schicksal, welches mit klammen Händen nach ihm griff.
Für einen Augenblick schloss es die Augen und dachte an den letzten Frühling seines Lebens. An sonnenüberflutete Wiesen und das schmackhafte frische Grün junger Triebe. An die vom Tau benetzten Lichtungen im Dunst eines heranbrechenden Morgens. Es dachte an seine Jungen, die es zur Welt gebracht hatte, an das Wunder des Lebens und den Kreislauf von Geburt und Tod, der allen zuteil wurde.
Und in Demut öffnete es die Augen, bereit, sich seinem Schicksal zu ergeben.

Das Reh sah ihn sofort. In einigem Abstand stand er vor ihm, mit zwei Jagdhunden an seiner Seite und dem Gewehr in der rechten Hand.
„Verdammte Wilderer“, fluchte er.
Das Reh verstand ihn nicht und sah den Jäger stumm und flehend an.
Langsam griff er mit der linken Hand nach seinem Gewehr und legte es dann mit beiden Händen auf die Schulter.
Kein Laut war mehr im Wald zu hören. Die Vögel hatten aufgehört zu singen und die ganze Natur schien verstummt über das Leid der Welt.

Plötzlich hob der Jäger seinen Kopf und runzelte die Stirn.
Suchend schaute er um sich, doch da war niemand, auch kein anderes Tier, und die Natur schien immer noch den Atem anzuhalten.
Das Reh aber hatte ihn erblickt.
Goldene Lichtfunken durchströmten den Wald wie ein sanfter Frühlingsregen. Der Schnee glänzte und glitzerte, als hätte die Natur ein Feuerwerk gezündet und durch die Bäume ging ein Raunen. Auch die Hunde sahen ihn und begannen leise zu winseln.
Trotz aller Schmerzen und Todesangst spürte das Reh jetzt einen tiefen Frieden in sich. Dass es dem Geist der Weihnacht in der Stunde seines Todes noch einmal begegnen durfte, erfüllte es mit Freude und demütig öffnete das Reh sein Herz.
„Ich bin bereit“, flüsterte es lautlos und sah dem Jäger dabei fest in die Augen.
Anders als zuvor war sein Blick, von Stärke und Demut erfüllt und voller Hingabe an das Leben und an den Tod.
In diesem Augenblick geschah ein Wunder.
Der Jäger blickte in die Augen des Rehes und sah die leidende Kreatur. Doch er erblickte noch viel mehr: Er sah die Kette der Dinge und die Bruderschaft aller Wesen. Ein ferner Horizont lag vor seinem geistigen Auge, hinter dem sich eine Welt verbarg, in der das Leiden ein Ende gefunden hatte und die Menschen und Tiere mit der Erde in friedlicher Eintracht lebten. Es war das goldene Zeitalter, ein Mythos aus einer vergangenen Zeit und gleichzeitig eine Utopie, die fern jeglicher Realität schien und doch so fassbar.
Das Reh bemerkte die Veränderung sofort, es sah das goldene Licht, das in sein Herz strömte und schließlich ließ der Jäger sein Gewehr sinken. Zunächst ganz langsam, doch dann warf er es jäh von sich.
Der Hund an seiner rechten Seite bekam einen Schreck und fing an zu bellen.
„Ruhig“, befahl er und strich ihm über den Kopf.
Mit vorsichtigen Schritten ging er zu dem Reh.
„Es tut mir leid“, sagte er.
Und als er diese Worte sprach, begriff er, dass sie nicht nur diesem einen Reh galten. In unzählige Augen hatte er im Laufe der Zeit geblickt; Augen, voller Sanftmut und Scheu und dann, nach dem tödlichen Schuss, weit aufgerissen und starr, der Funke allen Lebens für immer entschwunden.
„Nie mehr“, murmelte er unter zusammengepressten Lippen und ein schmerzliches Gefühl über all das Leid, das er verursacht hatte, breitete sich wie eine Welle in ihm aus.
Prüfend besah er den linken Hinterlauf des Rehs und löste schließlich vorsichtig das Fangeisen. Dann holte er Verbandszeug aus seinem Rucksack und versuchte die Wunde so gut wie möglich zu versorgen. Er ging zurück zu seinen Hunden, die auf einen Befehl warteten und nahm einen von ihnen sein Halsband ab. Behutsam legte er es um den Hals des Rehes, nahm einen Strick, den er vorsichtig an dem Halsband verknotete und befestigte das andere Ende an einem Baum. Und dann rannte er los, um Hilfe zu holen, so schnell er konnte und als ginge es um sein eigenes Leben. Er wusste nicht, ob er das Reh retten konnte, aber er würde alles versuchen.
Das Reh blieb indessen ruhig liegen, denn es spürte, dass es nichts mehr befürchten musste. Noch immer sah es den Geist der Weihnacht, der den Wald in sein goldenes Licht tauchte. Was auch geschehen würde, ob ihm noch Zeit auf Erden vergönnt war oder keine mehr beschieden – in ihm war ein tiefer Frieden und zum ersten Mal in seinem Leben spürte das Reh keine Angst.

Es ist ein langer Weg in eine friedliche Welt, doch der Glaube an Wunder ebnet den Weg in eine Neue Zeit. Der Geist der Weihnacht schwebt durch die Wälder und verzaubert die Herzen vieler Wesen. Er flüsterte von Versöhnung, er verleiht den Zauberworten Liebe und Frieden ein goldenes Gewicht und erinnert an die Bruderschaft aller Lebewesen.

Copyright© Daniela Böhm
www.danielaböhm.com

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Daniela Böhm
Geboren am 30.06.1961 in der Schweiz Autorin/Schriftstellerin Persönliche Schwerpunkte: Tierrechte, Vegane Lebensweise, Umwelt. Bisher veröffentlichte Bücher: "Heute ist ein ganz anderer Tag", Tierschicksale "Der träumende Planet" "Die sechs magischen Steine" "Zwei Marder im Himmel", Fabeln "Dort wo du bist bin auch ich" Eine kleine Reise durch die Welt der Gegensätze "Auf der Suche nach dem verschwundenen Stern" "Das Mädchen aus dem Niemandsland" https://www.lovelybooks.de/autor/Daniela-Böhm/

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