Es ist elf Uhr und wieder einmal verteile ich ein paar Postkarten von gelabelt.de in der noch fast leeren Münchner S-Bahn. Vielleicht erreicht die Tatsache, dass Pelz ein Auftragsmord an Tieren ist, doch noch ein paar Verbraucher, bevor der Winter zu Ende geht und mit ihm der Totentanz von Tieren, baumelnd und hängend, an Kapuzen, Mützen, Mänteln und Jacken. Ein Anblick, den man in diesem Jahr im Übermaß ertragen musste. Vor einem leeren Infobehälter bleibe ich stehen und überlege, ob ich ein paar Postkarten hineinstecke. Fast gleichzeitig fällt mein Blick auf die wachsamen elektronischen Augen an der Decke und ich frage mich, ob man das darf. Sicher nicht, denke ich, denn die leeren Plastikbehälter sind Eigentum der Deutschen Bahn, die ich nicht einfach mit meinem persönlichen Engagement bestücken kann.

Eine Stunde später, im kalten Münchner Umland. Eine Freundin holt mich von der S-Bahn ab und wir fahren zu einem großen Bauernhof. Die Kälberiglus stehen fein säuberlich aufgereiht vor dem Milchkuhstall. Ungefähr eine Woche sind die Kleinen alt, die mittlerweile verkümmerte Nabelschnur baumelt noch an ihnen herunter. Teilweise liegen sie eingerollt in ihren kleinen Plastikiglus mit den paar vergitterten Metern davor. Ein Kälbchen kommt zu uns her und ein anderes ist durch unsere Ankunft richtig munter geworden. Auf dem wenigen Platz, den es zur Verfügung hat, fängt es an zu springen und zu hüpfen. Doch vor lauter Bewegungsdrang brettert es plötzlich mit voller Wucht gegen die Gitterstäbe. Wir sind erschrocken und betroffen. Die kleinen Mäuler sind wundgeleckt, wahrscheinlich vom Durst und der kalten Winterluft. Darf man das?, frage ich mich. Darf man einer Mutter ihr Neugeborenes kurz nach der Geburt entreißen und es bei klirrender Kälte in enger Einzelhaft halten?

Der Milchkuhstall. Für die nächste Erschütterung bleibt nicht viel Zeit. Wir laufen den langen Gang entlang und drücken hastig auf die Auslöser unserer Kameras; die Bilder sollen das Veterinäramt so schnell als möglich erreichen. Immer wieder halten wir dieses Elend fest. Verschmutzte Kühe und Urinlachen. Teilweise sind die Ausscheidungen der Tiere mehrere Zentimeter hoch. Schwangere Kühe, inmitten von Dreck, apathische Kühe, Kühe mit Nasenringen, Kühe mit riesigen Eutern, Kühe mit Stützbändern, weil ihre Knochen diesen Irrsinn nicht mehr mitmachen. Darf man das? Darf man Lebewesen so halten und sie ihrer Würde und Kinder berauben, um den kleinen Rest ausgebeuteten Lebens nach drei, vier oder fünf Schwangerschaften für ein sogenanntes Blutgeld an den nächsten Metzger zu verschachern?
Wieder fällt mir der leere Infobehälter der Deutschen Bahn ein, den ich so gerne bestückt hätte. Fremdes Eigentum, das ich nicht einfach benützen oder beschädigen darf. Sachgegenstände, gesetzlich geschützt. Aber … was ist mit den Tieren, unseren kleinen Brüdern und Schwestern? Darf man das?, frage ich mich für den heutigen Tag ein letztes Mal. Darf man Lebewesen benützen, ausbeuten, verletzen und töten? Es kann doch nur eine Antwort darauf geben, auch wenn der Gesetzgeber über die Frage selbst noch nicht nachgedacht hat: Nein, das darf man nicht.

www.danielaböhm.com

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