Helmut F. Kaplan

Nach dem Zitieren einiger Expertenaussagen zum Zusammenhang zwischen Fleischessen und sich anbahnender Klimakatastrophe stellte ich jüngst resigniert fest (in “Weltuntergang statt Vegetarismus?“):

“Von wichtigen Politikern war allerdings noch keine klare Aussage bezüglich notwendiger Ernährungsveränderungen zu hören. Das legt einen schrecklichen Verdacht nahe: Selbst um den Preis des Weltuntergangs wollen wir nicht vom Fleischessen lassen. Das würde immerhin etwas Licht auf das immer absurder werdende Festhalten am steinzeitlichen Fleischessen unter zivilisatorischen Bedingungen werfen: Einer Sache, die einem wichtiger als das Überleben ist, ist mit Logik, Vernunft und Moral nicht beizukommen.“

Entsprechendes wiederholt sich nun im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Fleischessen und sich anbahnender Hungerkatastrophe. Mit dem Unterschied, dass der negative Einfluss der Fleischproduktion auf die Welternährungssituation faktisch noch wesentlich deutlicher und drastischer ist als der negative Einfluss der Fleischproduktion auf das Klima: Ein Effizienzverlust von neunzig Prozent bei der Ernährung mit Fleisch im Vergleich zu einer vegetarischen oder veganen Ernährung lässt sich, sollte man meinen, kaum dauerhaft totschweigen.

Genau das wurde aber seit Jahrzehnten gemacht. Jetzt werden diese Fakten aber zuweilen doch erwähnt. So steht etwa in einem großen SPIEGEL-Bericht über die “Wut der Armen“ (16, 2008) immerhin:

“Wegen veränderter Essgewohnheiten werden immer mehr Äcker und Urwälder zu Viehweiden. Deren Ertrag, in Kalorien gerechnet, ist wesentlich geringer.“ Und: “Die neue Mittelschicht in Delhi oder Peking begnügt sich nicht mehr mit Reis oder Linsen. Doch allein für ein Kilogramm Rindfleisch benötigt ein Züchter sieben Kilo Futter und Unmengen Wasser.“

Allerdings ist dieser Bericht mit seinem wahrnehmbaren Verweis auf das Fleischessen als Ursache für den Welthunger eine ziemliche Ausnahme. Keine Ausnahme stellt hingegen die Analyse “Auswege aus der Hungerkrise“ des ehemaligen EU-Agrarkommissars Franz Fischler (DER STANDARD, 19./20.04.2008) dar, in der er die Fleischproduktion mit keiner Silbe erwähnt!

Wir befinden uns momentan vielleicht mitten im bisher aussagekräftigsten Test in Bezug auf die Frage, ob die Tierrechtsbewegung in absehbarer Zeit etwas Substantielles erreichen bzw. bewirken kann: Am Grad der Verleugnung des Fleischessens als Ursache für den Welthunger lässt sich der Wille, auf Fleisch keinesfalls zu verzichten, ablesen.

Wohlgemerkt: Hier geht es um den Preis an MENSCHLICHEM Leiden und Leben, den man für die Beibehaltung des Fleischessens bereit ist zu zahlen. Der Preis an TIERLICHEM Leiden und Leben, den man bereit ist zu zahlen, muss naturgemäß um ein Vielfaches höher angesetzt werden. Mit anderen Worten: Stellt sich heraus, dass die Fleischesser in großem Maßstab bereit sind, für ihre Sucht Menschenleben zu opfern, können wir die Hoffnung, dass sie der Tiere wegen auf Fleisch verzichten, für lange, lange Zeit begraben.

Freilich entbindet das niemanden von der Verantwortung für sein eigenes Verhalten. Und: Moral ist nicht die einzige Möglichkeit, die Menschen vom Fleischessen wegzubringen. Wirtschaft und Gesundheit sind weitere: Wenn vegetarische und vegane Produkte besser, billiger und gesünder sind als tierliche, dann werden sie auch gekauft werden. Insbesondere dann, wenn sich der fortgesetzte Massenmord an Tieren zunehmend in Form von Vogelgrippe, Rinderwahn und anderen Seuchen rächt.

Copyright: Helmut F. Kaplan

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Dr. Helmut F. Kaplan (18.05.2008; 10:51 Uhr)

kaplan@vegetarismus.org

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