Interview mit Helmut F. Kaplan

Editorische Vorbemerkung: Das folgende Interview wurde im Mai 2009 mit dem Magazin “Lebensart“* geführt.

Lebensart: Sie sagten 2008 in einem Interview: Es gäbe “absolut keine Entschuldigung dafür, nicht sofort Vegetarier zu werden“. Sollte Fleischkonsum Ihrer Meinung nach verboten und bestraft werden? Oder wie sollte die Mehrheit der “Fleischfresser“ überzeugt werden?

Helmut F. Kaplan: Verbieten und bestrafen geht natürlich nicht. Deshalb müssen die Menschen informiert und nach Möglichkeit überzeugt werden. Die wichtigsten Gründe gegen das Fleischessen sind: Bei vegetarischer Ernährung könnten bei gleichen Ressourcen zehnmal so viele Menschen ernährt werden. Die Fleischproduktion verursacht gigantische Umweltzerstörungen inklusive Klimaschädigung. Das Fleischessen ist die Ursache vieler Krankheiten. Und: Im Zuge der Fleischproduktion fügen wir Milliarden von unschuldigen, wehrlosen Tieren ein Maß von Leiden zu, das jegliche Vorstellungskraft sprengt und das moralisch absolut nicht zu rechtfertigen ist.

LA: Im selben Interview meinen Sie: “Die Tierrechtsbewegung ist leider zu einem Sammelbecken für Idioten geworden.“ Sie sprachen damit die Zerstrittenheit der Bewegung und die Profilierungssucht mancher TierschützerInnen an. Hat sich daran seither etwas verändert?

HFK: Nein, die de facto größten Feinde der Tiere befinden sich nach wie vor in den Reihen der Tierschützer und Tierrechtler: Das sind die Profilneurotiker, Vereinsmeier und ihre Mitläufer, die eine effiziente Bündelung der konstruktiven Kräfte verhindern.

LA: Aber geht nicht spätestens seit dem Vorjahr auch ein weiterer Riss durch die Szene? Nämlich die Frage, wie weit man bei der Umsetzung der eigenen Ziele gehen darf?

HFK: Dieser “Riss“ ist für die Szene nichts Neues, neu ist, daß diese Frage nun auch vermehrt in der Öffentlichkeit thematisiert wird.

LA: Man liest viel von Sachbeschädigungen, Bedrohungen bis hin zu Brandanschlägen. Haben Sie das Gefühl, dass manche TierschützerInnen zu weit gehen?

HFK: Ja, man liest viel. Was die “zehn österreichischen Tierschützer“, die voriges Jahr in ihren Wohnungen überfallen und dann monatelang eingesperrt wurden, betrifft, hat sich aber mittlerweile offenkundig herausgestellt, daß praktisch alle Anschuldigungen haltlos waren und sind.

LA: Halten Sie derartige kriminelle Aktionen für die Sache nützlich oder schädlich?

HFK: Sachbeschädigungen haben einen völlig anderen moralischen Stellenwert als Gewalt gegenüber leidensfähigen Lebewesen und sind REAKTIONEN auf diese Gewalt. Diese Sachbeschädigungen ihrerseits als Gewalt zu bezeichnen, ist irreführend und demagogisch, weil damit ja primär Gewalt BEENDET bzw. VERHINDERT wird. Grundlage für die Kriminalisierung von Hilfeleistungen gegenüber Tieren ist der rechtspolitische Skandal, daß Gewalt gegenüber Tieren de facto gesetzlich gedeckt ist. Tatsächlich ist die Tierrechtsbewegung die größte Friedensbewegung aller Zeiten, weil sie nicht nur Frieden und Freiheit für alle Menschen unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht fordert, sondern Frieden und Freiheit für alle leidensfähigen Wesen – auch unabhängig von Spezies, Beschaffenheit der Behaarung oder Anzahl der Beine.

LA: Kann man Menschenrechte wirklich 1:1 auf Tiere übertragen?

HFK: Überhaupt nicht, das tut auch kein vernünftiger Mensch. Tiere brauchen beispielsweise kein Wahlrecht und keine Religionsfreiheit. Aber wo Tiere ähnliche Interessen wie Menschen haben, haben sie das moralische Recht, daß diese ähnlichen Interessen gleich ernstgenommen und berücksichtigt werden wie menschliche Interessen. Dies gilt beispielsweise und insbesondere für das Interesse, nicht zu leiden.

LA: Ist es Ihrer Ansicht nach in den vergangenen Jahren zu einer Radikalisierung der Tierschutz-/Tierrechtsbewegung gekommen?

HFK: Nein.

LA: Halten Sie sich selbst für radikal?

HFK: Wenn radikal sein heißt, ernsthaft zu versuchen, den allgegenwärtigen Terror gegen Tiere konsequent und effizient zu bekämpfen: ja.

LA: Ihre Linkliste enthält u.a. auch eine Plattform, die vor allem über illegale ALF-Aktivitäten berichtet. Warum verlinken Sie solche Seiten?

HFK: Mein Wissen über ALF-Aktivitäten stammt aus Peter Singers Buch “Praktische Ethik“: Es werden Labors, Käfige und Gegenstände zerstört, mit denen Tiere eingesperrt, verletzt oder getötet werden, wobei aber jegliche Gewalt gegenüber Tieren und Menschen vermieden wird. Ich schließe mich Singers Forderung nach sorgfältiger Abwägung in diesem Zusammenhang an. Generell zu Verlinkungen und Kooperationen: Ich verlinke beispielsweise auch kirchliche Organisationen, weil es meines Erachtens unverzichtbar ist, das ganze Spektrum an Aktivitäten in Richtung Verbesserung des Schicksals der Tiere zu nützen und zu fördern. Die größte Schwäche der Tierrechtsbewegung sind ja – siehe oben: Stichwort “Idioten“ – die dauernden gegenseitigen Behinderungen, Anfeindungen und Ausgrenzungen.

* Mag. Robert Koch koch@chello.at (freier Journalist), der das Interview mit Dr. Helmut F. Kaplan führte, hat die freundliche Genehmigung der nicht kommerziellen Veröffentlichung erteilt.

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Liste “Tierrechte jetzt“ de.groups.yahoo.com/group/Tier…
Wer Mitglied werden will, schreibe bitte eine Mail an kaplan@vegetarismus.org mit dem Betreff “Bitte einladen“.

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Dr. Helmut F. Kaplan (29.07.2009; 12:55 Uhr)
kaplan@vegetarismus.org

Photo by JD Hancock

1 KOMMENTAR

  1. Also ich kann Ihnen nur voll zustimmen.
    Nach 30 Jahren Tierschutz hat man schon viel gesehen und gehört.
    Allein die schrecklichen Diskussionen zwischen Vegetarieren und Veganern, wer der bessere Tierschützer ist. Was hilft es den Tieren, wenn wir unsere Kräfte dafür verwenden uns gegenseitig zu zerfleischen.
    Ich könnte super damit leben, wenn wenigstens die Hälfte der Weltbevölkerung Vegetarier würde. Was könnten alleine damit Tierleben gerettet werden.
    Selbst wenn jemand noch Milchprodukte verzehrt, wenn kein Fleisch und Fisch mehr konsumiert wird, würden auch die Tiere für die Milchproduktion besser gehalten, da man diese ja für sonst nichts mehr missbrauchen könnte.
    Es gibt auch Tierschützer, die die Vereine, die sich ausschließlich für Nutztiere einsetzen, verurteilen. Dabei sollte mal bedacht werden, dass man für Hunde und Katzen bei der gemeinen Bevölkerung immer noch Akzeptanz findet, dies aber bei den so genannten Nutztieren ungleich schwieriger ist.
    Oder die ganzen Tierfreunde, die Tiere aus dem Ausland hier her bringen, weil sie in ihren Heimatländern elendig ermordet werden. Auch da gibt es böse Stimmen, die den engstirnigen Standpunkt vertreten, es gibt in Deutschland genug arme Hunde und Katzen.
    Ich kann auch das Ansinnen einer Tierschutzgruppe nicht ganz nachvollziehen, dass der Schlachthof in Wittlich geschlossen werden muss. Die Kapazitäten, die dann dort nicht erbracht werden, werden in andere Schlachthöfe verlagert. Man wird dadurch nicht ein Tiere vor der Schlachtung retten. Es wird evtl. sogar in Kauf genommen, dass die Tiere noch weiter transportiert werden müssen. Aber trotzdem finde ich es toll, dass sich diese Gruppe genau für dieses Ziel einsetzt, da auch ich der Meinung bin, es gehören alle Schlachthöfe abgeschafft.
    Ganz besonders wird ja ein Verein angegriffen, der ebenfalls einen Gnadenhof für Nutztiere unterhält, gleichzeitig aber eine so genannte Sekte unterhält. Hier sehe ich es so, wenn die Menschen damit leben können, dass sie sich unter die Führung von irgendeiner Person stellen, für einen Apfel und ein Ei arbeiten, dann ist das verdammt noch mal ihre Entscheidung. Sie müssen es ja nicht, anders wie die Tiere, die haben keine Wahl. Und wenn die Tiere auf diesem Gnadenhof in Sicherheit leben und gut versorgt werden; und dessen bin ich mir sicher, dann ist das für mich als Tierschützer in Ordnung. Ganz abgesehen davon, dass alle die dort leben mindestens Vegetarier sind und eine ganz hohe Achtung von allen Lebewesen haben.
    Oder man denke einmal darüber nach, wie viele so genannte Tierschützer es in der BRD gibt und wie viel Prozent die Tierschutzpartei bei Wahlen bekommt. Warum wählen denn nicht alle die angeblich für den Schutz der Tiere sind, genau diese Partei. Es gibt nur die eine, die sich wirklich für den Schutz der Tiere einsetzt. Herr Eck ist zweifellos ein hervorragender Vertreter für die Anliegen unserer Mitgeschöpfe. Aber nein, ich kann mir gut vorstellen warum die Tierschutzpartei weiterhin unter „Andere“ genannt wird. Weil die meisten denken, die werden sowieso nicht gewählt, haben eh keine Chance über die 5% Hürde zu kommen, also wählen wir sie erst gar nicht. So etwas nenne ich inkonsequent.
    Ich war kurzfristig bei Yahoo in der Tierschutzgruppe Tierrechte_jetzt, gute Idee. Aber auch hier tummelt sich eine Menge Mist. Habe mich getraut, auf einen sagen wir, zum Teil kritischen Verlag hin zu weisen und bin postwendend auseinander genommen worden. Ich darf mir gar nicht vorstellen, wenn ich, wie ich es eigentlich vorhatte, auf o. g. Tierschutzverein incl. Sekte hingewiesen hätte. Wahrscheinlich hätte man mich als gemeingefährlich eingestuft und sofort aus der Gruppe ausgeschlossen. Da ich nicht mehr bereit bin, mich über alles und jeden zu ärgern oder aufzuregen, bin ich aus der Gruppe wieder raus.
    Es ist schlimm, in uns steckt soviel Potenzial und es wird für Machtspiele und Profilierungssüchte genutzt.
    In der Tierschutzszene ist einiges im Argen und das schon seit Jahren, leider.
    Schaden und bestrafen tun wir damit nur die Tiere und geben der Gegenseite nur immer wieder Zündstoff für neue Gemeinheiten.
    Wir sind unglaubwürdig und dies wird die Fleischindustrie immer für ihre Zwecke zu nutzen wissen.
    Grüße
    M. Werner

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