Helmut F. Kaplan

Werde ich gefragt, was mein größter Fehler, meine größte Schwäche sei, antworte ich: meine Geduld. Das klingt paradox, trifft aber zu – und kann erläutert werden: Üblicherweise gilt Geduld ja als eine DER Tugenden schlechthin – im privaten wie im beruflichen Bereich: Nur wer etwa an einer Beziehung GEDULDIG arbeitet, wird diese über längere Zeit aufrechterhalten können. Und nur wer GEDULDIG seine beruflichen Ziele verfolgt, wird beruflich erfolgreich sein. Mutter der Geduld ist freilich die Hoffnung: Nur weil wir HOFFEN, mittels Geduld ans Ziel zu gelangen, verfolgen wir dieses mit eben dieser Geduld.

Geduld hat aber auch eine negative Kehrseite: Wer zu lange geduldig ist bzw. mit der falschen Person oder mit der falschen Methode zu geduldig ist, für den kann Geduld schlimme bis schreckliche Folgen haben: Wer zu lange ein berufliches Ziel mit Geduld verfolgt, ohne zu erkennen, daß ihm dafür die nötigen Voraussetzungen fehlen, dem wird seine Geduld zum Nachteil gereichen. Entsprechendes gilt für den privaten Bereich, in dem ich selbst erst durch wiederholten Schaden „klug geworden“ bin – durch die Erfahrung des immer gleichen Musters:

Zwar erkennt man bereits frühzeitig und mit immer größerer Deutlichkeit eine negative Eigenschaft eines Menschen, setzt aber dennoch, wider besseres Wissen quasi, darauf, daß die eigenen fortgesetzten geduldigen Bemühungen und Vorleistungen beim Betreffenden letztlich doch noch auf fruchtbaren Boden fallen werden. Leider trifft dies kaum je zu. Vielmehr zeigt sich regelmäßig, daß das Endergebnis weitgehend dem entspricht, was bereits viel früher absehbar war. Mit weniger Geduld hätte man sich also viel Zeit, Energie und Enttäuschung erspart.

Vielleicht ist auch die Geduld der Tierrechtler das eigentliche Problem der Tierrechtsbewegung – und das Erfolgsgeheimnis der Fleischlobby: Vielleicht ist genau das geduldige Festhalten an „realistischen“, „vernünftigen“ und „besonnenen“ Maßnahmen und Strategien der Grund für die immer klarer zutagetretende Erfolglosigkeit der Tierrechtsbewegung. Vieles spricht dafür, daß die institutionalisierte und industrialisierte Tierausbeutung mittlerweile in einem Maße gesellschaftlich, politisch und ökonomisch fundiert und verfestigt ist, daß sie mit der geduldigen Anwendung der bisherigen Methoden schlicht nicht erschütterbar, geschweige denn beseitigbar ist.

Schon allein der zeitliche Aspekt weist in diese Richtung: Stalins Gulag-System dauerte keine 20 Jahre, die Nazi-KZs existierten etwas über zehn Jahre, Mao terrorisierte die Bevölkerung 20 Jahre lang, der Völkermord der Roten Khmer währte keine vier Jahre. Der industrialisierte Massenmord an Tieren in Schlachthöfen wird nun aber bereits seit fast 150 Jahren ohne Unterbrechung betrieben, ohne daß es auch nur ansatzweise Anzeichen gesellschaftlicher Ächtung gäbe. Und dies, obwohl die Fleischwerbung von Tag zu Tag stärker auf einen offenen, „ehrlichen“, sprich: realistischen Kurs setzt: Während man jahrzehntelang peinlich bemüht war, den Zusammenhang zwischen Fleisch und individuellen, lebenden Tieren zu verwischen, steht heute genau dieser Zusammenhang im Zentrum der Werbung – Stichwort „Qualitätssicherung“!

Der Bereich, der die Alarmglocken im Hinblick auf die fragwürdigen Erfolgsaussichten geduldigen Weitermachens wie bisher am lautesten schrillen lassen sollte, ist aber der rechtliche. Ich selbst bin bereits mehrfach nur haarscharf und nur mit massiver juristischer Unterstützung an einer Verurteilung vorbeigeschrammt. Ich muß Kostenraten für ein von Michael Aufhauser angestrengtes Gerichtsverfahren zahlen, dessen Urteil so aberwitzig und rigide ist, daß mich selbst seine ungefähre Erlauterung hinter Gitter bringen könnte. Im Sommer 2008 wurden in staatsterroristischer Manier zehn österreichische Tierrechtler überfallen und über drei Monate eingesperrt. Die Haftstrafen, die über Tierrechtler verhängt werden, werden immer drastischer. Wenn die Wenigen, die die grauenvolle Wahrheit über unseren skandalösen Umgang mit Tieren aufzeigen und ernsthaft bekämpfen wollen, eingeschüchtert, einsperrt und existentiell ruiniert werden, kann man sich ausmalen, welche Erfolgsaussichten die geduldige Fortsetzung der bisherigen Strategien hat.

Schließlich noch zwei Bemerkungen zum unvermeidlichen Einwand: Schön, aber was folgt aus dieser Analyse nun für die Praxis, was sollen wir denn jetzt tun? Erstens: Hauptzweck der angesprochenen staatlichen Einschüchterung ist es ja gerade, die offene Diskussion über das jetzt zu Unternehmende zu unterbinden. Und dieses Ziel wurde erreicht. Ich habe jedenfalls keine Lust, mich aufgrund dubioser Paragrapheninterpretationen einsperren zu lassen, weil ich angeblich Mitglied einer terroristischen Vereinigung bin.

Zweitens: Es ist schlicht ein Denkfehler zu glauben, der Hinweis darauf, daß etwas nicht funktioniert, sei nur dann sinnvoll und legitim, wenn er mit einer positiven Alternative verknüpft wird. Hier verhält es sich nicht anders als in der (Natur-)Wissensschaft: Eine These als FALSCH zu erweisen, stellt auch einen Erkenntnisgewinn, weil eine Information über die Wirklichkeit dar. Und zu wissen, daß eine Strategie nicht funktioniert, ist auch so eine Information über Wirklichkeit – und sollte Anreiz sein, sich über andere Strategien Gedanken zu machen.

Copyright: Helmut F. Kaplan

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