Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung haben sich für Brunos Leben ausgesprochen und verurteilen seine Ermordung. Über 80 Prozent derselben Bevölkerung essen Fleisch – und setzen dies um so unverdrossener fort, je unangefochtener sie sich in einem großen „Aufstand der Anständigen“ gegen den Bärenmord vereinigt finden.

Das öffentliche Lamento darüber leistet der Verdrängung von mehr als einer MILLION JEDEN TAG allein in diesem Land sang- und klanglos ins Schlachthaus geprügelten, ihrer Todesangst preisgegebenen, oft bei Bewusstsein aufgeschlitzten Schweinen, Kühen, Hühnern Vorschub.

Denn eine speziesistische Denkhemmung unterscheidet zwischen den Tieren, die geliebt und für lebenswert erachtet werden und jenen, die tödlichen Zwecken zu dienen bestimmt sind, hauptsächlich dem Konsum. Zu ersterer Kategorie gehören – hierzulande – vor allem Hunde und Katzen, die – in unserem Kulturkreis – emotional am höchsten besetzten Spezies. Die selektive Tierliebe bietet entweder ein Alibi für das ausgeblendete Verbrechen oder einen Ansatzpunkt, zu vermitteln und zu begreifen, dass es keinen moralisch relevanten Unterschied zwischen Bär und Schwein, Huhn und Hund gibt.

Die ‘Betriebsunfälle‘ des gesellschaftlichen Tiermordsystems können eine Art ‘Trojanisches Pferd‘ der Bewusstseinsbildung sein, wenn die Anprangerung eines ‘aus dem Rahmen‘ fallenden Tiermordes mit der des alltäglichen, allgegenwärtigen, des Fleischfressens, immer und überall, vor allem ÖFFENTLICH, AUSDRÜCKLICH einhergeht. Wer aus ethischen Gründen selbst vegetarisch/vegan lebt und sich über die Erschießung eines Bären empört, tut dies seiner moralischen Haltung entsprechend. Aber er sollte nicht in den Chor der Heuchler einfallen, was ihnen, wie immer ungewollt, Komplizendienste leistet, wenn er sie nicht im selben Atemzug an das erinnert, was Bären erst zu Freiwild macht:

„Die Haltung, die es uns gestattet, Tiere für Nahrungszwecke aufzuziehen, beeinflußt unsere Behandlung aller anderen Kreaturen von zahmen Haustieren bis zu Labortieren und Tieren in freier Wildbahn. Wenn wir erst einmal akzeptiert haben, daß wir Tiere aus einem solch banalen Grund wie der Freude am Geschmack ihres Fleisches missbrauchen, ist es leicht für uns, sie für jeden anderen, gleichermaßen frivolen Zweck zu benutzen: sie als Haustiere zu domestizieren, in zoologischen Gärten zu unserem Vergnügen einzusperren oder in medizinischen Experimenten zu benutzen, von denen wir glauben, dass sie der Menschheit dienlich sind.“ (1)

Oder die einfach abzuknallen, von denen wir meinen, dass sie für Menschen gefährlich seien.

(1) Harriet Schleifer. „Bilder von Tod und Leben.(…) in: Peter Singer (Hg.). Verteidigt die Tiere. Wien, 1986: 109

Karin Hilpisch

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