PAKT e.V., AGfaN e.V., Tier & Mensch

Offener Brief zur künftigen Tierschutz- und Landwirtschaftspolitik

Sigmarszell, 02.12.2021

Sehr geehrter Herr Özdemir,
sehr geehrte Mitglieder der Partei „Die Grünen“,

mit großem Interesse haben wir im Koalitionsvertrag die Kapitel zu den Themen Tierschutz, Landwirtschaft und Ernährung gelesen. Ihre Aussagen dazu, Herr Özdemir, machen uns Hoffnung! Wir freuen uns sehr, dass Sie Klima- und Tierschutz voranbringen und zum Beispiel das Amputieren von Körperteilen und Qualzucht bei landwirtschaftlich genutzten Tieren sowie Heimtieren beenden wollen.

Da wir uns seit vielen Jahren intensiv mit der Materie befassen, möchten wir einige dringende „Baustellen“ in der industriellen Massentierhaltung ansprechen.

Ihr Plan, Amputationen zu untersagen ist extrem wichtig! Die Tierhaltungen müssen zeitnah umgestaltet werden, damit die längst EU-weit untersagten Amputationen nicht mehr nötig sind! Sie sind in artgerechter Haltung überflüssig und ein Indiz für tierschutzwidrige Haltung. Das gleiche gilt für die routinemäßige Gabe von Antibiotika an ganze Tierbestände.

Transparenz und Beendigung System-immanenter Missstände: Die geplante verpflichtende Kennzeichnung aller – auch verarbeiteter! – Lebensmittel und Verschärfung der Strafen sind äußerst wichtige Bausteine! Tierhaltung darf aber auch nicht länger im Verborgenen stattfinden. Dazu müssen Kontrollen vom Stall bis zum Produkt so aufgestockt werden, dass das Tierschutzrecht auf allen Ebenen durchgesetzt wird. Verletzungen und Schäden an Tieren, sowie Hinweise auf erlittenes Leid, die in Schlachtstätten oder Tierkörper-Beseitigungsanlagen auffallen, müssen zur Anzeige gebracht werden. Die erwiesenermaßen qualvolle CO2-Betäubung muss verboten werden!

Ställe sollten für die Bevölkerung einsehbar werden, denn jeder Konsument hat ein Recht auf Transparenz – und darauf, dass Verstöße gegen das Tierschutzrecht aufgedeckt, angezeigt und an die Öffentlichkeit gebracht werden. Zurzeit wird systemimmanente Tierqual fast ausschließlich undercover aufgedeckt von mutigen Tierschützern und Investigativ-Journalisten. Sie gehen ein hohes Risiko ein, da sie sich oft dem Vorwurf des Hausfriedens¬bruchs, der Preisgabe von Betriebsgeheimnissen oder Geschäftsschädigung aussetzen. Die Undercover-Recherchen und -Dokumentationen, sowie Wistleblower brauchen unbedingt rechtliche Absicherung und den nötigen Schutz, um Investigativ-Journalismus zu stärken!

Wir regen an, diesen Rechtsschutz im Rahmen des im Koalitionsvertrags geplanten Vorhabens sicher zu stellen: „Wir schließen Rechts- und Vollzugslücken im Bereich des Tierschutzes, um der Verantwortung aus der ausschließlich dem Staat zustehenden Eingriffskompetenz gerecht zu werden.“

Werden Sie sich dafür einsetzen, dass Tiertransporte in Drittländer komplett untersagt werden? Jahrelange Erfahrung belegt, dass eine gesetzeskonforme Abfertigung von Ferntransporten nicht möglich ist, da nicht verhindert werden kann, dass an den Grenzen oder außerhalb der EU deutsches und EU-Tierschutzrecht verletzt werden.

Weide statt industrieller Massentierhaltung:

Die Produktion der Nahrung, insbesondere der Tierprodukte muss wieder dem maßvollen regionalen Bedarf dienen, anstatt auf den Weltmarkt ausgerichtet zu sein.

Schützen Sie bitte die Bauern und den Boden vor Agrar-Konzernen und industriellen Großinvestoren und beenden Sie so das Höfesterben!

Die Tierindustrie ist auf Importfuttermittel angewiesen. Besonders Soja als Proteinträger bedeutet einen Entzug wertvoller menschlicher Nahrungsmittel unter massiver Schädigung von Umwelt, Natur und Klima. Der Anbau von Tierfutter benötigt extrem viel Fläche und trägt zum weltweiten Hunger bei.

Weidehaltung von Wiederkäuern zur Regel zu machen, wäre ein großer Schritt, um mehrere Probleme auf einmal zu lösen. Als Grasverwerter sind sie keine Nahrungskonkurrenten für Menschen. Hinzu kommt: Weidehaltung ist eine wichtige CO2-Senke, wenn der Tierbesatz so angepasst ist, dass die Grasnarbe intakt bleibt. Denn durch Beweidung nimmt die Humusschicht des Bodens beständig zu und macht den natürlichen Methanausstoß der Wiederkäuer mehr als wett! Zusätzlich profitiert die natürliche Artenvielfalt. Wir schlagen vor, Bauern für Weidehaltung und Grünlandwirtschaft einen CO2-Ausgleich zukommen zu lassen, und sie so am CO2-Handel zu beteiligen.

Ernährung und Gesundheit:

Die Gesundheitsschäden durch Überernährung mit Tierprodukten sind verheerend. Für eine gesunde Ernährung reicht pflanzliches Eiweiß völlig aus (da braucht es auch keine Förderung innovativer Labor-Proteine).

Industrielle Tierhaltung birgt auch darüber hinaus große Gefahren für die menschliche Gesundheit, wie Erkrankungen aufgrund von Ammoniak- und Feinstaub-Emissionen

Vor allem Antibiotika-Resistenzen und diverse Infektionserreger (Viren, Bakterien, Einzeller, Parasiten) sind eine schwere Bürde:

Massentierhaltungen sind ideale Brutstätten für Krankheitserreger. Nur mit sehr viel Pestizideinsatz und regelmäßigen Antibiotikagaben (Folge: Antibiotika-resistente Keime!) lässt sich Massensterben in den Ställen durch bakterielle Infektionen meistens verhindern. Dennoch gehören Lebensmittel-vergiftende Erreger in den Supermärkten zum Alltag! Daran und an Antibiotika-resistenten Keimen sterben in Deutschland jährlich tausende Menschen!

Auch Viren können zu hoch pathogenen Krankheitserregern mutieren und haben das Potential, Ursprung für künftige menschliche Pandemien zu werden.

Gegen Seuchenzüge durch Viren greift man zur Methode der Massentötungen meist durch qualvolles Ersticken mit CO2, eine grausame Methode, die eine Weiterverbreitung nicht einmal sicher ausschließt. Zurzeit sind wieder Tausende von Geflügeltieren Opfer von Geflügelpest-Ausbrüchen.

Geflügelpestviren (Aviäre Influenza, „Vogelgrippe“ genannt) zirkulieren schon lange weltweit in den Geflügelbeständen. Die Verbreitung findet vor allem durch Geflügeltransporte statt, sehr selten durch Wildvögel. Ins Freiland gelangen die Viren in der Regel über Aerosole, sowie Mist mit den darin enthaltenen Federn und Kadavern. So infizieren sich Wildvögel!

Geschlossene Massentierhaltungen sind ideale Brutstätten für die Geflügelpestviren mit ausgezeichneten Voraussetzungen für Mutationen, weil das Geflügel dicht an dicht steht und liegt, das Immunsystem aufgrund von Stress durch nicht artgerechte Haltung, Verletzungen und Mangel an Tageslicht und frischer Luft äußerst schwach ist. Gerade im Herbst und Winter kommen in den großen Geflügelställen Ausbrüche vor, da die Viren in der kalten Jahreszeit länger überleben.

Statt Stallpflicht bei Ausbrüchen vorzuschreiben, wäre es richtig, die Bedingungen für die Tiere in den Ställen massiv zu verbessern und grundsätzlich auf Freilandhaltung zu setzen. Sterilisieren des Stallmistes vor dem Ausbringen durch Hitze, Testen der Tiere, besonders bei Wassergeflügel (können längere Zeit unauffällige Träger sein), in Elterntierbeständen, bei Neueinstallungen, vor Transporten und in Schlachtstätten (Abwasser) würden Schutz bieten. Insbesondere muss der internationale Tierhandel unterbunden werden!

Ein Wort noch zum Thema Tierversuche: Eine Ausstiegsstrategie ist absolut notwendig!

Sie gelingt durch Reduktion der Tierversuche und Förderung von Alternativen nur dann, wenn die gesamte staatliche Förderung in Tierversuchs-freie Forschung fließt. Bisher ist es nicht einmal 1% – fast der gesamte Betrag an Fördergeldern wird für Tierversuchs-basierte Forschung verwendet! Tierversuchs-freie Prüf- und Test-Methoden müssen zeitnah und unkompliziert anerkannt werden, um Tierversuche abzuschaffen.

In diesem Schreiben haben wir uns auf einige wenige Schwerpunkte konzentriert.

Doch wo immer menschliches Handeln Einfluss auf Tiere hat, bestehen große Missstände. Wir wünschen den Tieren, dass Sie die Probleme engagiert angehen und Ihnen bei der Umsetzung des gesetzlich verbrieften Schutzes der Tiere aller Art viel Erfolg!

Wir sind gerne bereit, Sie auf Wunsch nach unseren Möglichkeiten fachlich zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen,

Karin Ulich (Tierärztin)
Arbeitsgruppe Tier & Mensch
88138 Sigmarszell

und
Elisabeth Petras, 1. Vorsitzende, 22415 Hamburg
mit Dr. med. vet. Christina Sultan, stv. Vorsitzende
von PAKT e.V. ( Politischer Arbeitskreis für Tierrechte in Europa e.V. paktev.de/ )

und
Eckard Wendt, 1. Vorsitzender der AGfaN e.V. (Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung e.V. ( agfan.org/ ), in 21435 Stelle

P.S.: Beachten Sie bitte das von über 20 Tierschutz- und Tierrechtsverbänden aus dem Tierschutznetzwerk „Kräfte bündeln“ erstellte Positionspapier
(siehe: www.tierschutznetzwerk-kraefte… ).

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Karin Ulich (03.12.2021; 22:33 Uhr)
karin-ulich@gmx.de

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Veröffentlicht von „der fellbeißer“© ( www.fellbeisser.net/news/ ) am 04.12.2021
twitter.com/fellbeisser

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