4/4: Frühlingsrettung – die Vierte: Vom Leiden der Hähne

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1.452 Hennen und 3 Hähne aus Bodenhaltung gerettet

Die vierte unserer Rettungen im April führte uns in eine Bodenhaltung im Westerwald. Als wollte der Frühling sich der Namensgebung unserer Rettungsreihe würdig erweisen, begleitete er uns an diesem Tag strahlend und warm. Er begrüßte unsere Hühner im Leben und schenkte ihnen von der ersten Minute an alles, was sie in den 18 Monaten ihres bisherigen Lebens entbehren mussten: seine Sonnenstrahlen, sein zartestes Grün, den Duft der lauen frischen Aprilluft und das muntere Zwitschern der Vögel in den Bäumen.

So konnten unsere Hühner schon von dem Moment an als sie auf den Armen unserer Träger vom dunklen Stall zu unseren Boxen getragen wurden, den Frühling mit all ihren bisher geknebelten und gefangen gehaltenen Sinnen aufnehmen.

Legehennen, die in Bodenhaltung leben müssen, sehen in ihrem Leben nie das Tageslicht, fühlen nie die Sonne, Erde unter ihren Füßen oder frische Luft in ihren Lungen. Sie leben vom Tag ihres Schlüpfens bis zum Tag ihrer Schlachtung im Alter von rund 18 Monaten in Gruppen von bis zu 3.000 Tieren in geschlossenen, fensterlosen Hallen mit 9 Hennen pro Quadratmeter. Ein Drittel der Stallfläche muss „Bodenfläche” sein, der Rest besteht aus Gittersystemen, kantigen Sitzstangen aus Metall und Legenestbereichen ohne Nistmaterial und mit Abrollautomatik für die Eier. Sie trinken aus Nippeltränken und fressen nichts anderes als immer gleiches hocheiweißreiches Legemehl. Über ein Lichtprogramm steuert die künstliche Beleuchtung den Tag- Nachtrhythmus der Hennen und zwingt den Körper zur Eierlege-Höchstleistung. Jahreszeitenwechseln und kürzer werdende Tage, die den Hennen natürlicherweise eine Legepause und somit Zeit zur Regeneration verschaffen würden, gibt es nicht.

1.452 Legehennen konnten wir an diesem Frühlingstag nach entbehrungsreichem, qualvollen Leben in die Sonne tragen. Unsere Vermittler/-innen brachten sie an 20 Übergabeorte in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz und übergaben sie dort in die Hände unserer tierlieben Adoptanten, bei denen die Hühner nun jeden Tag im Frühling schwelgen, nach Gräsern, Kräutern, Insekten suchen, im Staub und in der Sonne baden und bald auch Sommer, Herbst und Winter kennenlernen werden.

Auch drei Hähne fanden wir im Stall unter den 1.452 Hennen. In Bodenhaltungen werden Hähne nicht zielgerichtet zu den Hennen gesetzt, wie in einigen kleineren Freiland- oder Biohaltungen, wo ihre Warnrufe die Verluste durch Greifvögel reduzieren sollen. In Bodenhaltungen machen Hähne überhaupt keinen Sinn und sind nur deswegen in den Herden, weil sie als Eintagsküken in den Brütereien am Fließband falsch „gesext”, also falsch sortiert wurden, und so mit den weiblichen Küken in die Aufzucht- und wenig später in die Legebetriebe geraten sind. Die männlichen Eintagsküken der Legehuhnrassen werden direkt nach dem Sexen vergast oder bei lebendigem Leibe geschreddert, da sie keine Eier legen, aber aufgrund der Zuchtlinie auch nicht für die rentable Mast geeignet sind. Jährlich werden so allein in Deutschland neben rund 52 Mio. weiblichen Legehennen auch ebenso viele männliche Küken „produziert”, die direkt am Tag des Schlüpfens getötet werden.

Einige dieser männlichen Küken geraten also versehentlich in die Legebetriebe und leben dort unter hunderten oder tausenden von Hennen. Wie viele es sind…. Darüber gibt es keine Zahlen. Welche Tortur das Leben unter diesen Bedingungen für sie aber bedeutet, darüber können die elenden Gestalten der Hähne, die das Jahr überleben und die wir in den Betrieben bei unseren Ausstallungen vorfinden, Zeugnis ablegen.

Attila fanden wir bei der Westerwaldrettung als einen von drei überlebenden Hähnen. Abgemagert und kaum noch fähig zu stehen, wurde er von uns aus dem Stall getragen. Sofort war klar, dass er in diesem Zustand nicht vermittelbar war und somit zunächst in unserer Obhut bleiben würde. Sein handtellergroßer, angeschwollener, heiß pulsierender Kamm verdeckte seine gesamte linke Kopfseite, war im Knick an der Unterseite und an anderen Stellen verletzt und schwer entzündet. Sein rechtes Bein war durch einen alten Bruch etwas schief verwachsen und Zehenglieder waren abgerissen. Sein Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen, sein Federkleid war an vielen Stellen zerrupft und zerpickt.

In diesem oder vergleichbarem Zustand finden wir die meisten dieser Hähne vor. Durch das fehlende Sonnenlicht, bei weißen Hähne zusätzlich noch durch angezüchtete Merkmale, und das ausschließliche Fressen des hoch eiweißhaltigen Legemehls, werden die Kämme der Hähne unerträglich groß und schwer, sind für den Kopf und Nacken des Tieres kaum noch tragbar, und entzünden sich schmerzhaft und großflächig. Das enorme Gewicht drückt auf die Augenlider und die Augen können oft kaum richtig geöffnet werden. Durch ihr geschlechtsspezifisches, angeborenes Verhalten sind Hähne in einer Gruppe von hunderten oder tausenden von Hennen restlos überfordert, setzen sich nicht gegen Attacken der Hennen zur Wehr, lassen sich bepicken und resignieren. Wenn sie dann noch nicht mehr richtig sehen können und durch Verletzungen und Entzündungen geschwächt sind, gehen sie gänzlich unter. In den großen Gruppen unter den Bedingungen der industriellen Legehennenhaltung ist es nicht möglich, eine soziale Rangordnung herzustellen – welche für das Wesen des Huhns als soziales Herdentier von existentieller Bedeutung ist!! Hühner würden wesensgerecht in Herden von 4-20 weiblichen Tieren und einem Hahn mit einer streng geordneten Hackordnung zusammenleben. Diese Ordnung regelt das friedliche Zusammenleben und gibt ihnen Sicherheit. Sobald ein neues Tier in eine Herde kommt, wird durch Rangkämpfe der Platz in der Hackordnung geklärt und anschließend herrscht wieder Frieden. Der Hahn umsorgt seine Hennen, sucht ihnen Futter, warnt sie vor Beutegreifern und greift bei Streitereien unter seinen Hennen schlichtend ein. Wenn nun aber hunderte oder tausende von Hühnern auf engstem Raum zusammengepfercht werden, kann keinerlei soziale Ordnung hergestellt werden. Sie leben auf engstem Raum unter tausenden von „Fremden”, befinden sich dauerhaft im sozialen Stress und müssen sich ständig gegeneinander behaupten oder vor anderen wegducken, da es keine Rangordnung geben kann. Die Hähne setzen sich unter diesen Bedingungen offensichtlich am allerwenigsten zur Wehr. Ihr Leid ist ebenso wie ihre Anzahl oder überhaupt ihre Existenz undokumentiert und großen Teilen der Gesellschaft sicherlich völlig unbekannt.

Unseren Attila nahm unsere Gaby aus Northeim zu sich und schenkte ihm – neben tierärztlicher Versorgung – liebevollste Pflege.
Völlig erschöpft und am Ende seiner Kraft, konnte er zunächst kaum noch laufen und fressen. Mittlerweile geht es ihm besser, er genießt Streicheleinheiten, macht erste Schritte auf Erde und Gras, hat Freundschaft mit Gabys Hennen geschlossen und hatte -zwei Wochen nach seiner Rettung- zum ersten Mal genügend Kraft für zaghafte Krähversuche.

Die Entzündung des Kammes geht langsam zurück, dennoch ist er eine schwer erträgliche Last und behindert seine Bewegungsabläufe. Wir wünschen uns für Attila -wenn er sich weiter erholt hat und sein Zustand es zulässt- eine Amputation des Kammes.

Diese Operation wurde bereits sehr erfolgreich bei einem Hahn durchgeführt, den wir 2016 aus einer Bodenhaltung in Bayern gerettet haben. Für Manitu brachte dieser Eingriff einen riesengroßen Zugewinn an Lebensqualität, wie uns die Adoptantin Janina berichtet, bei der er heute glücklich lebt.

Aus einem kleinen Freilandbetrieb in Nrw mit „nur” knapp 300 Hennen holten wir kürzlich Eduard: Eine armselige Gestalt, völlig verstört, erschöpft, mit Problemen an Schnabel und Füßen. Im neuen Zuhause ging er erst einmal auf Abstand zu den Hennen und brauchte Zeit, um sich endlich in Ruhe und Frieden von den Torturen zu erholen und neue Kraft zu schöpfen.

Auch Hans übernahmen wir in traurigem Zustand im Sommer 2016 aus einem Freilandhaltungsbetrieb. Es rührte uns und seine neuen Besitzer, wie lieb er sich trotz seiner eigenen Schwäche um die ebenfalls geschwächten Hennen sorgte.

Sir Henry holten wir 2016 aus einer Bodenhaltung – mit entzündetem Kamm und entzündeten Augen, Wasseransammlungen in den Lungen und bis auf die Knochen abgemagert. Sir Henry war traumatisiert, kauerte sich bei Anwesenheit von Menschen zitternd auf den Boden und brauchte 6 Wochen, ehe er es wagte, seinen Hennen aus dem Stall zu folgen. Erstes hahntypisches Verhalten und Gefiederpflege zeigte er erst nach über 2 Monaten. Leider ließ sein Gesundheitszustand eine Operation zur Verkleinerung des Kammes nicht zu. Ihm blieben nur 6 Monate Lebenszeit nach seiner Rettung und seine Besitzerin musste ihn aufgrund der zunehmenden Atemprobleme erlösen lassen.

Wir finden bei unseren Rettungen nicht in allen Bodenhaltungsbetrieben Hähne vor…. Sicherlich gibt es sie aber in allen. Vielleicht sterben die meisten schon vor Ablauf des Jahres, vielleicht werden sie auch von vielen Betreibern getötet, wenn sie entdeckt werden, da sie ja nutzlose Futterfresser sind…

Wir möchten am Beispiel von Attila, Manitu, Eduard, Sir Henry und Hans auf sie aufmerksam machen. Auf das Leid dieser ungesehenen Tiere, die im tierausbeutenden System unserer Lebensmittelindustrie leben und sterben und denen niemand eine Träne oder auch nur einen Gedanken schenken kann, da schlichtweg niemand von ihnen weiß.

Viele Menschen empören sich mittlerweile glücklicherweise über das sinnlose Töten der männlichen Eintagsküken (leider führt diese Empörung nicht wirklich einschneidend zu Reduzierungen im Konsum von Eiern und Eiprodukten…), denn es ist grausam und lebensverachtend – ohne Frage.

Einem männlichen Küken, das dieser Tötung durch das falsche Sexen entgeht, ebenso wie einem weiblichen Küken, das für den Menschen ausnutzbar und geplant in die Legebetriebe kommt, stehen 18 Monate „Existenz”zeit (Zeit, die das Wort „Leben” nicht verdient) unter qualvollsten Bedingungen und ein anschließender grausamer Transport und Tod im Schlachthaus bevor – auch das ist grausam und lebensverachtend – und auch das sollte jeder Mensch in unserer Gesellschaft wissen!

Wir wünschen uns daher, dass unsere Berichte weite Kreise ziehen, und Ihr Menschen, Ihr Verbraucher nicht bei der Empörung stehen bleibt, sondern Konsequenzen zieht, die den Tieren helfen können! Verzichtet auf den Konsum von Eiern und Eiprodukten! Unterstützt das System der Tierausbeutung und des Tierleids nicht durch Euer Kaufverhalten! Es gibt so viele Möglichkeiten, sich ohne Eier schmackhaft und gesund zu ernähren. Für uns ist es nur eine kleine Unbequemlichkeit, ein Umdenken, eine gewisse Umstellung auf Neues – wieviel Tierleid und sinnloser Mord aber hinter dem „Lebensmittel” Ei steckt, zeigt euch Attila – stellvertretend für die jährlich über 100 Millionen ermordeten Hennen und Hähne der Eierindustrie allein in Deutschland.

Vielen Dank an alle Spender, Unterstützer und Adoptanten, die unsere Hühnerrettungen möglich machen!

Euer Team von
Rettet das Huhn e.V.
Postfach 100 827
38408 Wolfsburg

Jörg Binder
Tel.: 0175 4065 814

Spendenkonto: Rettet das Huhn e.V.
IBAN:DE80460500010001270040
BIC: WELADED1SIE
Wir sind ein als gemeinnützig anerkannter eingetragener Verein.
Spenden fließen zu 100% in unsere Arbeit für die Tiere und können steuerlich abgesetzt werden.

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Ein Tier zu retten verändert nicht die ganze Welt –
aber die ganze Welt verändert sich für dieses eine Tier!

www.rettetdashuhn.de

Auf unserer Homepage finden Sie weitere Berichte: www.rettet-das-huhn.de/aktuell…

——– Originalnachricht ——–
Betreff: 4/4: Frühlingsrettung – die Vierte: Vom Leiden der Hähne
Datum: 12.05.2018; 18:06 Uhr
Von: “Rettet das Huhn e.V.” noreply@rettetdashuhn.de
An: Rettet das Huhn info@rettetdashuhn.de

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Jörg Binder (13.05.2018; 09:43 Uhr)
binder.rdh@posteo.de

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Veröffentlicht von „der fellbeißer“© (www.fellbeisser.net/news/) am 13.05.2018
twitter.com/fellbeisser

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