Er ballte seine schlanken Hände so stark zu Fäusten, dass das Weiße seiner Fingergelenke sichtbar wurde. Sein Atem ging stoßweise und verzweifelt blickte er zu einem blassblauen Himmel, an dem sich dunkle Wolken zusammenballten. Dann schlug er mit seiner rechten Faust auf die Parkbank. Der Schmerz durchfuhr ihn wie ein Schlag. Doch was war dieser Schmerz im Vergleich zu einem anderen? Zu dem Schmerz anderer Lebewesen … dort, in diesem grauen Gebäude, das dicht hinter ihm in den Himmel ragte, so düster und bedrohlich wie die Wolken, die gerade aufzogen. Warum war ihm das erst jetzt bewusst geworden?

Als Martin mit dem Medizinstudium begonnen hatte, war er voller Hoffnung und Freude gewesen. Menschen zu helfen, das war sein innigster Wunsch, sich dem Dienst einer ehrenvollen Aufgabe zu verschreiben. Auch der Tod seines Vaters hatte ihn beeinflusst. Er war an einem Herzinfarkt verstorben und seine Doktorarbeit wollte er über Herzkreislauferkrankungen schreiben. Als Martin zu Beginn des fünften Semesters eine Praktikumsstelle für Grundlagenforschung auf diesem Fachgebiet entdeckte, hatte er sich sofort beworben und kurze Zeit später eine Zusage erhalten.

An seinem ersten Tag war Martin aufgeregt und nervös gewesen. Er wurde von einer freundlichen Mitarbeiterin der Verwaltung mit allen Vorschriften vertraut gemacht, erhielt einen Ausweis und eine Chipkarte. „Die dürfen Sie auf keinen Fall verlieren, das ist die Sesam-öffne-dich-Karte für alle Bereiche in diesem Gebäude“, hatte sie augenzwinkernd gemeint. „Und jetzt begeben Sie sich bitte auf Zimmer 212, dort erhalten Sie Ihre Einweisung von Frau Professor Etrom, der Sie unterstellt sind. Viel Glück.“
Das „viel Glück“ hatte wie ein schlechtes Omen in Martins Kopf nachgehallt, während er mit dem Aufzug in den zweiten Stock gefahren und rechts einen Gang entlang gelaufen war, dessen Geruch nach Desinfektionsmitteln den Atem stocken ließ.
Zaghaft hatte er an die Tür von Zimmer 212 geklopft. Die Begrüßung von Frau Professor Etrom war distanziert gewesen, seine ausgestreckte Hand wurde fast vorwurfsvoll abgelehnt. „Corona ist noch nicht vorbei.“ Ihre graublauen Augen hatten ihn kritisch gemustert, von der Fußsohle bis zum Scheitel. Verlegen hatte er auf das Namensschild an ihrem weißen Kittel gestarrt und sich gefragt, welcher Name sich hinter dem H. verbarg.
Kurz und knapp hatte Martin erklärt bekommen, was er vorerst tun musste. Frau Professor Etrom hatte auf die Karteikarten gedeutet, die in einer grauen Box auf einem stählernen Rollwagen standen. „In ein paar Tagen beginnen wir mit den Versuchen. Ihre Aufzeichnungen bis dahin sollten exakt sein. Größe, Gewicht, Appetit, Krankheitserscheinungen, Verhaltensauffälligkeiten … Sie verstehen? Im Übrigen finden Sie alle Kriterien auf den Karten – die Daten übertragen Sie anschließend in das Computerprogramm. Die Mäuse sind alle durchnummeriert, anders geht es nicht, die Dinger sehen ja alle gleich aus.“

Natürlich hatte Martin gewusst, dass in dem Forschungszentrum Tierversuche gemacht wurden – schließlich war in der Ausschreibung für sein Praktikum u.a. von Überprüfung der Versuchstiere die Rede gewesen. Tierversuche mussten eben sein, hatte er wieder einmal gedacht, wie sonst könnten wichtige Erkenntnisse gewonnen und Arzneimittel sicher für den Menschen zugelassen werden; das schrieb die Gesetzgebung schließlich vor. Es war bedauerlich für die Tiere, aber so war es nun mal, und stand der Mensch nicht über den Tieren?

An der grauen Tür prangte ein großes Schild. ‚Zutritt strengstens verboten – nur für Fachpersonal.‘ Vorsichtig schob Martin an diesem ersten Tag den Rollwagen über die Schwelle und blieb stirnrunzelnd stehen. So viele Käfige, so viele Mäuse … Auf den ersten Blick sahen sie wirklich alle gleich aus. Schneeweiß mit kugelrunden roten Augen. Gewissenhaft erledigte er zwei Mal seinen Kontrollgang; er musste die Mäuse nicht anfassen oder aus dem Käfig holen, dafür war jemand anderer zuständig, der die entsprechenden Daten wie Gewicht und Größe auf ein Schild am Käfig schrieb. Professor Etrom hatte ihm jedoch auch eingeprägt, die Mäuse zu beobachten und etwaige Auffälligkeiten in ihrem Verhalten zu dokumentieren.

Als Martin an dem Tag vor Beginn der Experimente wieder durch die Reihen lief, blieb sein Blick länger als sonst an Nummer 87 hängen. Er hatte bis jetzt keine nennenswerten Unterschiede zwischen den einzelnen Mäusen erkennen können, nur dass einige zutraulicher waren, während andere im hinteren Winkel ihres kleinen Käfigs oft träge herumlagen. Manche schienen aufgeweckter und turnten öfters in ihren Käfigen herum, viele nagten aus Langeweile an den schmalen Gitterstäben. Es gab Mäusegruppen, aber auch Einzelhaltung. „Weibchen kommen gut miteinander aus“, hatte ihm Sven, der Tierschutzbeauftragte, erklärt. „Bei den Männchen ist es etwas problematischer.“
Auch gestern war er schon einmal über diese Nummer gestolpert, genau in dem Augenblick, als er sich wie ein Wärter vorgekommen war, der Gefangene überwacht. Diesen unangenehmen Gedanken hatte er jedoch sofort verdrängt – schließlich diente er hier einer ehrenvollen Wissenschaft mit einem höheren Ziel.
Die Maus steckte ihre kleine Schnauze so gut es ging durch die Gitterstäbe und Martin hatte das Gefühl, als würde ihn 87 eindringlich ansehen. ‚So ein Unsinn‘, dachte er, beugte sich aber trotzdem zu ihr hin. Die Schnauze bewegte sich ohne Unterlass, die winzigen Barthaare zitterten dabei mit. Martin musste lächeln. Ganz vorsichtig streckte er seinen linken Zeigefinger aus und Nummer 87 schnupperte neugierig daran. „Du hast ja gar keine Angst“, flüsterte Martin, obwohl niemand im Raum war. Er betrachtete die Maus eingehend und sah auf einmal, dass sie einen winzigen braunen Fleck auf der Innenseite des rechten Ohres hatte. „Du bist doch anders“, schmunzelte er. „Ein possierliches Federgewicht mit einer Laune der Natur.“

Martin zog sich an diesem Abend früh in sein Zimmer in der WG zurück, nahm seinen Laptop zur Hand und studierte verschiedene Webseiten über Mäuse. Staunend las er, dass es weltweit vierzig verschiedene Arten gab, ihr Geruchssinn sogar den von Hunden übertraf, und sie hochsoziale und reinliche Tiere waren.
Als er im Bett lag, dachte er an Nummer 87. Er wusste, welches Schicksal die Maus erwartete, Frau Professor Etrom hatte ihm die Versuche für die Grundlagenforschung über Herzkreislauferkrankungen heute genau erklärt. Mit einem beklemmenden Gefühl schlief er ein und wälzte sich im Schlaf unruhig hin und her.

Der Raum roch steriler als sonst. Ein OP-Tisch blitzte im Licht greller Leuchten und Martin zuckte zusammen, als der Assistent von Frau Professor Etrom die Maus Nummer 1 mit einem groben Griff aus ihrem Käfig holte. Sie bekam eine Narkose und es dauerte nicht lang, bis ihr ein gezielter Schnitt den Brustraum öffnete. Das winzige Herz wurde herausgestülpt und im nächsten Schritt eine der Herzkranzarterien mit einem Faden abgebunden, um so einen Herzinfarkt herbeizuführen.
Martin spürte Übelkeit aufsteigen, obwohl er in seinem bisherigen Studium schon einiges erlebt und gesehen hatte. Winzige Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und er fragte sich, wie er die nächsten Stunden überstehen sollte.
Er überstand sie nicht – bei Maus Nummer 8 lief er aus dem Raum und zur nächsten Toilette, wo er sich übergab.

Schwitzend stand er vor dem Waschbecken und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. ‚Vielleicht werde ich krank?‘, dachte er. Doch Martin spürte, dass der Grund ein anderer war. Als Nummer 6 auf dem Stahltisch gelegen war und ihr die Arterie abgebunden wurde, hatte er plötzlich seinen Vater gesehen, der nach Luft ringend auf dem Wohnzimmerboden lag, den entsetzten Aufschrei seiner Mutter gehört und die Sirene des Krankenwagens. Doch da war bereits alles zu spät gewesen. „Schwerer Herzinfarkt“, hatte der Notarzt gemeint. Fassungslos war er mit seinen zehn Jahren daneben gestanden. Martin hatte es nicht begreifen können und auch nicht wollen. Und all die Mäuse erlitten jetzt das gleiche Schicksal, nur mit dem Unterschied, dass der Infarkt künstlich herbeigeführt wurde und nicht zum Herzstillstand führte, damit man so erforschen konnte, wie und in welchem Ausmaß sie nach dem Infarkt betroffen waren.
Martin sah in den Spiegel und wischte sich ein paar nasse Haarsträhnen aus der Stirn. In seinen braunen Augen lag Abscheu.

Frau Professor Etrom schickte ihn ohne viel Mitgefühl in der Pause nach Hause. „Und morgen reißen Sie sich bitte zusammen. Ich dachte, Sie wollen Arzt werden?“
Martin erwiderte nichts und begab sich auf dem schnellsten Weg nach Hause. Er wusste nicht, wie er den morgigen Tag überstehen sollte. Sollte er sich krankmelden?
Er schlief kaum in dieser Nacht. Und immer wieder musste er an Nummer 87 denken, an die Maus mit dem winzigen braunen Fleck im Ohr. Wie viele Mäuse waren heute aufgeschnitten worden? War 87 auch dabei gewesen?
Irgendwann im Morgengrauen schaltete er die Nachttischlampe ein. An Schlaf war nicht mehr zu denken und er musste sowieso bald aufstehen. Sein Blick fiel auf einen kleinen weißen Stoffhund den ihm sein Vater geschenkt hatte; er war das einzige Stofftier, das er aus seiner Kindheit behalten hatte. ‚Uli‘ hatte er ihn damals genannt, warum, das wusste er nicht mehr.

Mit klopfendem Herzen betrat er an diesem Morgen das graue Gebäude und erfuhr, dass die OPs bis auf weiteres ausgesetzt worden waren, weil Frau Professor Etrom an Corona erkrankt war. Er wurde sofort getestet, war aber negativ.
Wie gewohnt schob er seinen Rollwagen wieder durch den Raum. „Die operierten Mäuse leiden jetzt nach den Eingriffen an Herzinsuffizienz mit allem was dazu gehört. Beobachten Sie das jeweilige Verhalten und dokumentieren sie es“, war die knappe Anweisung des wissenschaftlichen Assistenten gewesen.
Martin standen bald die Tränen in den Augen. Die meisten der operierten Mäuse lagen schwer atmend in irgendeiner Ecke ihres Käfigs, keine von ihnen turnte noch an irgendwelchen Gitterstäben herum. Bei vielen war die Futterschüssel unberührt und einige schienen sich vor Schmerzen zu krümmen. Ihre kleinen roten Augen blickten teilnahmslos und matt – als hätte eine schreckliche Macht ihren Lebenswillen gebrochen und sie jeglicher Lebensfreude beraubt. Keine einzige Maus kam mehr neugierig angelaufen, als Martin mit dem Rollwagen vor ihren Käfigen anhielt.
„Euer Martyrium wird aufhören“, sagte er schließlich zu Maus Nummer 39 und begann zu weinen. Er wusste, dass die Mäuse in zehn Wochen getötet werden würden, wenn sie ihren Zweck im Namen der Wissenschaft erfüllt hatten. ‚Es kann nicht richtig sein“, dachte Martin. ‚Menschen bekommen wegen allen möglichen Ursachen Herzerkrankungen, was hat das mit eigentlich gesunden Mäusen zu tun?‘
Bei seinem Vater waren es das Übergewicht und der ungesunde Lebensstil gewesen, das wusste er heute.

Erleichtert stellte er fest, dass Nummer 87 noch nicht operiert worden war, es war kein roter Punk auf dem Schild an ihrem Käfig. Tatsächlich schob die Maus ihre Schnauze gleich wieder aufgeregt durch die Gitterstäbe und Martin beugte sich hinab. „Du bist keine Nummer und auch kein Ding. Was hältst du von Uli?“
Einige Stunden später verließ er das Gebäude schweren Herzens. Er war bedrückt und unruhig. Seine Welt war ins Wanken geraten, der Boden unter seinen Füßen nicht mehr sicher. Er wollte nicht im Dienste einer Wissenschaft stehen, die so schreckliches und unnötiges Leid verursachte; dennoch wollte er unbedingt Arzt werden.
‚Später‘, dachte er, während er auf der Parkbank saß. ‚Ich werde mir später darüber Gedanken machen.‘

Seine schlanken Hände ballten sich zu Fäusten …
In diesem Augenblick, als seine rechte Hand auf die Parkbank schlug, stand sein Entschluss plötzlich fest. Er würde dieses Gebäude noch ein einziges Mal betreten, jetzt gleich, aber nur um Uli herauszuholen und ihm ein grausames Schicksal zu ersparen. Er würde ihn in seine Jackentasche stecken; niemand würde etwas bemerken, und dann gleich zur nächsten Tierhandlung fahren, um einen Käfig mit Zubehör zu kaufen.
Morgen würde er sich erst einmal krankmelden und irgendwann einen Brief an Frau Professor Etrom schreiben. Natürlich würde das Fehlen von Uli bemerkt werden, aber er würde einfach die Käfigtür offen lassen; jeder würde denken, dass er oder Sven vergessen hatten, sie zu schließen und Uli sich irgendwo versteckte. Es tat ihm leid, dass Sven deshalb wohl einen ordentlichen Rüffel bekommen würde, aber das war eben nicht zu ändern.

Wenn es einen Himmel gab, überlegte er, während er fest entschlossen auf das Gebäude zulief, müsste es dort auch eine Tür mit dem Schild ‚Zutritt verboten‘ geben, die all jenen den Eintritt verwehrte, die unschuldigen Geschöpfen im Namen einer vermeintlichen Wissenschaft so viel Leid und Schmerz zufügten.

***

© Daniela Böhm 2022
www.danielaböhm.com
Etwaige Ähnlichkeiten mit den Namen lebender/verstorbener Personen dieser Geschichte wären rein zufällig, der hier beschriebene Tierversuch ist jedoch leider furchtbare Realität.

Diese Geschichte entstand im Hinblick auf die bevorstehenden Tierversuche in Augsburg und der von Ärzte gegen Tierversuche e.V. initiierten Kampagne. „In Augsburg gab es bislang keine Tierversuche, sondern klinische Forschung auf hohem Niveau. Nun will die Stadt mit 35 Millionen Euro aus Steuermitteln eine „Versuchstier“-haltung für 23.400 Mäuse sowie Tierversuchslabore am neuen Medizin-Campus der Universitätsklinik Augsburg bauen und 2030 in Betrieb nehmen. In einem „Interims-Labor“ im Sigma Park Augsburg sollen Tierversuche an Ratten und Mäusen bereits Mitte 2023 starten.“ (Ärzte gegen Tierversuche e.V.)
Weitere Infos, zum Mitmachen, Helfen und Unterstützen:
www.aerzte-gegen-tierversuche….

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