Gekürzte Fassung der Rede zum Tierrechtstag in Jena am 6.7.2013

Empathie ist ein Wort, das wir in unserem heutigen Sprachgebrauch gerne und häufig verwenden. Es ist ein schönes Wort, denn es bedeutet, dass man sich einfühlen und mitfühlen kann, es bedeutet Offenheit und Anteilnahme für die Belange unseres Gegenübers. Empathie ist per Definition auch nicht nur auf den mitmenschlichen Umgang begrenzt. Und dennoch werden viele Tiere von der Empathie der Menschen ausgeschlossen.
Warum?
Warum haben wir Empathie für einen Hund, aber keine Empathie für ein Schwein?
Wieso hört die Empathie vor den Toren der Mastbetriebe und der Schlachthöfe auf? Was ist der Unterschied zwischen einem Schwein und einem Hund? Ein Schwein besitzt ungefähr die Intelligenz eines dreijährigen Kindes, beim Intelligenz-Ranking der Tiere nimmt es sogar den Platz vor dem Hund ein. Wo liegt also der vermeintlich begründete Unterschied? Ein Grund dafür ist das vom Menschen erfundene Wort „Nutztiere“. Dieser Begriff teilt die Tiere hierzulande vor allem in zwei Klassen: Auf der einen Seite die Haustiere, die man streichelt und liebt und um die man sich kümmert und auf der anderen Seite die Nutztiere, die man für den Fleischverzehr in Gefängnisse steckt, unter qualvollen Bedingungen hält, sie mästet und schließlich abschlachtet. Wenn wir Empathie für einen Hund haben, wieso dann keine Empathie für ein Schwein, ein Rind oder eine Henne? Empathisch zu sein bedeutet, dass man sich in ein anderes Wesen einfühlen kann und versucht, seine Bedürfnisse zu verstehen. Wieso sollte sich Empathie selektiv auf bestimmte Lebewesen beziehen und auf andere wiederum nicht?

Der Mensch hat den Tieren einen Rassismus auferlegt; von selbst wären sie sicher nicht auf diese Idee gekommen. Tiere werden in Klassen unterteilt, an erster Stelle stehen die Haustiere, dazwischen gibt es noch ein paar Abstufungen und in der untersten Klasse sind die ganz großen Verlierer dieser diskriminierenden Ideologie zu finden: die Nutztiere.
Und mit diesem Rassismus des Menschen gegenüber den Tieren werden nicht nur die Massengräber von Milliarden von Tieren geschaufelt, nein, das Ende der Fahnenstange ist damit noch nicht erreicht. Der Hunger in den ärmeren Ländern und die Zerstörung unseres Planeten, sind die anderen Gräber die durch den immensen Fleischkonsum ausgehoben werden. Laut eines Berichts des Umweltinstituts München wird bereits jetzt fast die Hälfte der Getreideproduktion für Nutztiere verwendet. Der Bedarf ist so groß, dass in vielen Entwicklungsländern Getreide für den Export an die Fleischindustrie angebaut wird, anstatt die Ackerflächen für die eigene, hungernde Bevölkerung zu nutzen.
Nach einer Schätzung der FAO (Food and Agricultural Organisation) hungern heute bereits fast eine Milliarde Menschen. „Wo ein Jäger lebt, können zehn Hirten leben, hundert Ackerbauern und tausend Gärtner.“ Alexander von Humboldt hat das schon vor über hundertfünfzig Jahren so auf den Punkt gebracht und dieser Satz verdeutlicht auf einfache Art und Weise, dass mit demselben Stück Land eine viel größere Anzahl an Menschen ernährt werden kann als mit Viehzucht.

Rassismus und Sexismus sind zwei Themen mit denen sich viele Menschen und die Politik insbesondere seit dem vergangenen Jahrhundert auseinandersetzen und versuchen, diese diskriminierenden Einstellungen zu überwinden. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Begriff des Speziesismus steckt dabei noch in den Kinderschuhen. Diese Art der Diskriminierung bedeutet letzten Endes nichts anderes, als dass sich der Mensch über andere Lebewesen dieses Planeten stellt, ihnen naturgegebene Rechte abspricht und sich durch seine von ihm ausgerufene anthropologische Differenz das Recht gibt, sie als niedrigere Lebensformen zu betrachten und daraus folgert, dass er sie ausbeuten und töten darf.
Wer kennt sie nicht, die traurigen Bilder oder Filme der Südstaaten aus einer zum Glück vergangenen Zeit, in der Menschen aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe als Sklaven gehalten wurden. Die sogenannten Nutztiere sind die Sklaven unserer heutigen Zeit. Wer einmal die Bilder von den Massenbetrieben der Mastkälber in Amerika gesehen hat, in denen diese Tiere in Einzelhaft in winzigen Iglus auf riesigen Landflächen gehalten werden, dem zieht sich vor Entsetzen das Herz zusammen. Isaac Bashevi Singer, Nobelpreisträger für Literatur und selbst ein Jude, sagte einmal: „Für die Tiere ist jeder Mensch ein Nazi, für die Tiere ist jeder Tag Treblinka.“ Allein in Deutschland werden jährlich vierzig Millionen männliche Küken an ihrem ersten Lebenstag vergast oder bei lebendigem Leib in eine Schreddermaschine geworfen, weil sie für die Eier oder Hühnchenindustrie wertlos sind. Was der Mensch heutzutage den Tieren antut, kann mit keinerlei Argumenten mehr gerechtfertigt werden. Doch das Elend und die Qualen von Milliarden von Tieren werden verdrängt und ignoriert, von Verbrauchern ebenso wie von Politikern. Was die Tiere betrifft, so haben wir heute eine Ideologie der Ignoranz. Laut eines offiziellen Berichtes wird von bis zu 12,5-prozentigen Fehlbetäubungsraten in Schlachthäusern ausgegangen mit einer noch viel höherliegenden Dunkelziffer. Überträgt man diese Prozentrate, bedeutet dies, dass bei ungefähr 53 Millionen geschlachteten Rindern und Schweinen in Deutschland (das ist eine Schätzung der Albert-Schweitzer-Stiftung aus dem Jahr 2010) über fünf Millionen dieser Tiere bei lebendigem Leibe geschlachtet und zerstückelt werden. In diesen Zahlen sind die anderen Tiere wie Hühner, Schafe, Puten oder Gänse gar nicht mit einbezogen.

„Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen“, ist ein Satz, den man häufig hört. Doch nur, weil etwas immer schon so war, heißt es noch lange nicht, dass es richtig war oder ist und fortdauern muss. Hätte sich die Menschheit den Satz „Das war schon immer so“ als Leitspruch auf ihre Fahne geschrieben, so würden wir heute noch in den Wäldern leben, es gäbe keine Elektrizität, keine Wasserversorgung, wir würden noch Sklaven halten und es gäbe auch kein Frauenwahlrecht. All diese Beispiele könnte man endlos fortsetzen. Es ist freilich bequem, sich auf diesem Satz auszuruhen, denn es geht ja um das Essen, ein Grundbedürfnis und darum, vielleicht auf etwas verzichten zu müssen? Doch ich frage mich, was ist das für ein Verzicht, wenn man keine Tiere mehr isst und damit die Qualen und die Tötung von fühlenden Lebewesen vermeidet? Tiere besitzen keine uns verständliche Sprache, doch sie haben die gleiche Empfindungsfähigkeit wie wir Menschen. Sie fühlen Leid, Freude, Schmerz, Trauer und Glück. Nur weil Tiere nicht in der uns gewohnten Weise mit uns kommunizieren, hat der Mensch noch lange nicht das Recht, sich über sie zu stellen, sie auszubeuten, zu vertreiben und zu töten.

Die vegane Lebensweise, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ist kein religiöses Glaubensbekenntnis, kein Sektierertum, sie ist kein neues Gut-Menschentum und auch keine Modeerscheinung, die einfach wieder vergeht. Nein, sie ist eine Notwendigkeit und ein Appell an das Mitgefühl! Albert Einstein, selbst Vegetarier, vertrat bereits vor ungefähr achtzig Jahren schon die Meinung, dass nichts das Überleben der Menschheit so sehr sichern wird, wie eine vegetarische Ernährung. Mit dem Wissen, das uns heute zur Verfügung steht, müsste es richtigerweise heißen: wie eine vegane Ernährung. Ganz abgesehen davon, dass man bei dieser Art von Ernährung auf nichts verzichten muss und nur unglaublich viel dazu gewinnt an Wohlbefinden und Gesundheit, ist es längst nicht mehr angebracht zu sagen: Ich möchte nicht darauf verzichten. Diese Welt, in der wir leben, dieser Planet mit all seinen Bewohnern ist ein lebendiges Ganzes und alles ist miteinander verbunden. Wir können und dürfen nicht länger gleichgültig sein gegenüber den Leiden und Qualen der Tiere, unseren kleinen Brüdern und Schwestern.

Fast jeder kennt den wunderschönen Satz aus dem Buch „Der kleine Prinz“: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Wieso gilt dieser Satz nicht mehr, wenn es um die sogenannten Nutztiere geht? Kann man das Gefühl da einfach ausschalten und sagen: Dieser Satz trifft auf meine Katze zu, aber nicht auf ein kleines Kälbchen, das gleich nach der Geburt von seiner Mutter getrennt wird und nach ein paar Monaten beim Schlachter landet?
Wahre Tierliebe erfordert Konsequenz im Handeln und sie fordert Empathie von uns, die sich nicht nur auf eine bestimmte Spezies beschränkt. Eine Empathie, die allen Bewohnern dieses Planeten gilt und die nicht vor dem eigenen Tellerrand mit einem toten Stück Tier aufhört. Echte Empathie begrenzt sich nicht auf ein Einzelnes und ist der Schlüssel für eine tierleidfreie Welt, den wir alle in unseren Herzen tragen.

© Daniela Böhm
www.danielaböhm.com

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