Mit Waffen und vorsätzlich

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Schreie.
Wie die von Kindern, wenn sie vollkommen außer sich sind.
Am Himmel tobt ein Unwetter.
Es donnert und Blitze schießen durch die hereinbrechende Nacht.
Sie fürchten sich zu Tode.
Nicht vor dem Gewitter.
Sie fürchten sich vor dem Tod.
Vor dem Grauen und dem Geruch voller Qual derer, die den Weg vorangingen.
Ihre Schreie sind markerschütternd.
Diese Stadt beginnt zu schlafen, tief senkt sich die Nacht herab.
Und mit der Dunkelheit beginnt das Morden – mitten in der Stadt.
Die Menschen nennen es Töten, denn morden tun sie nur ihresgleichen.
Mit Waffen und vorsätzlich – das ist Mord.
Doch wo ist der Unterschied zwischen dem, was hier geschieht oder anderswo, unter den Menschen?
Beides geschieht vorsätzlich und mit Waffen, die für den Tod erschaffen wurden.
Bis in die frühen Morgenstunden passieren schaukelnde Gefängnisse die Einfahrt
des Münchner Schlachthofes.
Bis in die späten Morgenstunden dauert das Morden.
Hinter einer Mauer, dort, wo das Grauen geschieht, hört man ihre Schreie noch bei Sonnenaufgang.
Sie wechseln sich ab mit dem Geräusch der Kreissäge, das der Wind ganz deutlich über diese Mauern aus braunen Ziegelsteinen trägt.
Als Bündel voller Angst sind sie in den Schlachthof gekommen – als bleiche, schlaffe Bündel, schaukelnd und in zwei Hälften zerteilt, an einem Haken hängend, verlassen sie diesen Ort des Grauens.
Das Unfassbare, das Schreckliche, für immer eingefangen in ihren leblosen Augen, für immer eingebrannt in ihr Fleisch.
Manche Schweine mussten ihren Tod bei vollem Bewusstsein erleben.
Ihre kindlichen Schreie haben das Herz ihrer Henker nicht erbarmt.

Der heranbrechende Morgen wird von einem heißen Sommertag verdrängt.
Die ersten Transporter mit den Rindern sind schon eingefahren.
Gestank der Angst, dunkler Kot, der über silbernes Metall rinnt und sich festklebt.
Schräg gegenüber sind die großen Waschanlagen, dort werden die Spuren der Angst beseitigt.
Noch lange bevor der Kopfschlächter zum Stich ansetzt.
In den Treibgassen stehen sie.
Und später dann, ab Mittag, in der sengenden Hitze, wartend auf ihren Tod in den fahrbaren Gefängnissen, bevor sie entladen werden.
Hilflos – ihre Blicke sind so unendlich hilflos.
Doch selbst jetzt spiegelt sich auch die Sanftmut in ihren Augen.
Sie stehen in scheinbar endlosen Reihen, eines nach dem anderen.
Oft müssen sie lange warten.
Es muss schrecklich sein, auf den Tod zu warten.
Dafür gibt es keine Worte.
Auch sie spüren das Grauen.
Sie rufen so verzweifelt, immer und immer wieder.
Auch ihre Hilfeschreie trägt der Wind über die Mauern aus braunen Ziegelsteinen – weit in die Stadt hinein, bis sie nur noch ein Flüstern sind.
Die Menschen hören beides nicht – nicht das Flüstern und nicht die Rufe voller Angst.
Ihre Ohren sind taub und ihre Herzen blind.
Ich sehe ein Rind, das in der Treibgasse ganz vorne steht, genau vor dem Eingang des Todes.
Es bewegt seinen Kopf ganz leicht nach links, in einer Geste vollkommener Hilflosigkeit. Als würde es ein letztes Mal auf das Leben schauen, das es jetzt für immer hinter sich lässt.
Es gibt keinen Ausweg. Hinter ihm stehen seine Artgenossen und irgendwo hinter ihnen ist eine Eisenstange, die jegliche Flucht unmöglich macht.

(c) Bild: Angelika Wohlfahrt
(c) Bild: Angelika Wohlfahrt

Es ist dieses Bild und es sind ihre Rufe und die kindlichen Schreie der Schweine, die sich bei der zehnten Mahnwache am Münchner Schlachthof in meine Seele eingebrannt haben.

Jeder kann dieses Grauen, das Tag für Tag, Stunde um Stunde, Minute für Minute und in jeder einzelnen Sekunde auf dieser Erde geschieht, verhindern.
Jeder, der weiter Tiere isst, trägt Verantwortung für diese Tragödie.
Es ist eine der größten Tragödien in der Weltgeschichte.
Doch kein Schulbuch berichtet davon und keine Armee rückt zur Befreiung der Tiere an.
Es sind ja nur Tiere …
Tiere tötet man …
Ermordet wird nur der Mensch …

(c) Daniela Böhm
www.danielaböhm.com

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Daniela Böhm
Geboren am 30.06.1961 in der Schweiz Freie Autorin Persönliche Schwerpunkte: Tierrechte, Vegane Lebensweise, Umwelt. Bisher veröffentlichte Bücher: "Heute ist ein ganz anderer Tag", Tierschicksale "Der träumende Planet" "Die sechs magischen Steine" "Zwei Marder im Himmel", Fabeln "Dort wo du bist bin auch ich" Eine kleine Reise durch die Welt der Gegensätze

3 KOMMENTARE

  1. Diese Beschreibung ist dermaßen erschütternd, dass mir die Tränen in den Augen stehen. Ich glaube, ich weiß, was diese armen Geschöpfe empfinden. Es ist der letzte Blick ins Leben, so wie ich es empfinde, wenn ich in ein Krankenhaus gehe und nicht weiß, ob ich wiederkehre. Ich würde diese armen Geschöpfe alle freilassen, wenn ich könnte, denn die Erde gehört schließlich uns Allen.

  2. Und die meisten Menschen hören nicht zu, sind ignorant. Sie wissen um das Leid und die Qualen, aber sie wollen ihr ach so schönes Leben nicht mit solchen Mitteilungen besudeln. Wenn sie sich nicht damit beschäftigen, dann müssen sie auch nix tun. Es ist so zum Kotzen. Und immer wieder dieser Spruch: „Ich esse eh nur noch ganz wenig Fleisch. Wir haben ja auch immer schon sehr wenig Fleisch gegessen. Aber ab und zu brauchen ich halt ein Stück Fleisch. Denn ganz ohne, das ist ja ungesund, gell???“ Ja, ungesund, deshalb kotze ich halt wieder mal …. Sorry meine Ausdrucksweise. Danke dir, Daniela, für diese bewegenden Zeilen.

  3. Danke Daniela!
    Ich bin mir aber nicht sicher,würden unsere Schlachthäuser aus Glas sein und alle müssten tagtäglich sehen was dort geschieht,ob nicht viele der Menschen es einfach hinnehmen würden und
    eines Tages sogar ganz normal am Ort des Grauens vorbeispazieren würden.
    Ich hoffe auf stärkere Tierrechte die explizit im Gesetz verankert werden und viel mehr Menschen
    die auf Fleisch verzichten,weil sie erkennen das es keinen Frieden geben kann wenn man tötet,
    Jedes Lebewesen hat einen natürlichen Drang zum Leben und wir haben nicht das Recht darüber zu
    bestimmen das Tiere nur für unseren Gaumen und viel zu hohen Fleischkonsum sterben müssen.
    Aber die Mehrheit der Menschen ist hier noch zu dumm oder zu ignorant zu erkennen,das es auch ohne ging und die Menschen dieser Welt auch satt werden würden ohne Tiere zu essen.

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